daHEIM - Einsichten in flüchtige Leben

daHEIM - EInsichten in flüchtige Leben (photo caveng)
daHEIM - EInsichten in flüchtige Leben


Ein gemeinsames Projekt des Museums europäischer Kulturen Berlin und KUNSTASYL

Geht es um eine Ausstellung? Nein – verhandelt wurde ein Raum. Durch diesen Raum geht eine Welle. Sie ist Meer und Tränen. Ihr Wasser ist salzig und nagt am Konstrukt der Kultur. Die Bewegungen der Welle werden erzeugt von denen, die uns in unseren Vorstellungen vom Menschsein erschüttern und gegen die wir uns nicht nur an den europäischen Außengrenzen verbarrikadieren, sondern gegen die wir auch unsere Sprachfähigkeit zur Verteidigung unserer Territorien einsetzen. Indem wir sie „Flüchtlinge“ nennen und nicht von „Menschen“ sprechen, vollziehen wir ihre soziale Ausgrenzung. Durch sie, die den Gefahren des Meeres knapp entronnen sind, sehen wir uns gefährdet und schreiben ihnen, kaum dass sie das Ufer erreicht haben, genau jene Erscheinungen zu, mit denen das Meer – „das gefahrvollste und gewaltigste Element“ (G.W.F. Hegel) – das Leben des Menschen bedroht: Die Welle wird zur „Flüchtlingswelle“ und tritt als „Flüchtlingsstrom“ über nationale Grenzen. Nicht einmal die verunglimpfende Wortverbindung „Flüchtlings-Tsunami“ unterliegt einer Ächtung.

Inmitten dieser Grenzziehungen hatte das Museum Europäischer Kulturen KUNSTASYL Raum überlassen und zur Handlung ermächtigt. Teilhabe wurde nicht als Geste dargestellt, sondern als radikaler Akt vollzogen. Ein Museumsraum wurde zum performativen Ort von Geschehen und Verwandlung. Differenz wurde nicht aufgehoben, sie durfte sein. Im Museum zeigt sich Europa souverän.

Die Menschen, die ab Anfang März in diesem Raum ihr daHEIM (re-)konstruierten, haben einst in Albanien oder Afghanistan, dem Kosovo oder Pakistan gelebt. Die Ruinen ihrer Häuser stehen in Syrien, im Irak und in Bosnien. Sie haben Bomben, Diktaturen und Terroranschläge überlebt. Die einen sind aus Gefängnissen geflohen, andere haben sich aufgemacht, um den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Den meisten von ihnen bleibt nur noch das Leben selbst, alles andere haben sie verloren.

Diese Menschen kartographierten Wege auf die Wände. Weder GPS noch Kompass dienten ihren wandernden Seelen zur Orientierung. Unter eingestürzten Himmeln stand Norden längst nicht mehr oben. Während sie das Ereignishafte, die Schrecknisse von Krieg und Flucht, mit ihren Handys dokumentiert hatten, spürten sie im Museum in ihren Rötelzeichnungen dem Wesen nach. Ihre Einschreibungen auf den Wänden sind keine Überlieferungen aus der Vergangenheit, sondern Ausdruck gegenwärtiger Erinnerung. Teile von ausgemusterten Bettgestellen aus Not- und Gemeinschaftsunterkünften wurden zu Konstruktionselementen. Ein umgedrehtes Bett schaukelt nun als Boot, sein Lattenrost verwandelte sich in die Wirbelsäule eines verlorenen daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben.

„Er habe nie ein Gemälde als Kunstwerk gemalt, es sei immer Forschung gewesen“, soll Pablo Picasso einmal gesagt haben (nach Frederick Baker, 2016). Im Museum war es nicht die Leinwand, sondern der Raum, der künstlerisch, physisch, sozial und historisch erforscht wurde. Der Prozess entzog sich gängiger Kategorisierung. Dem Ausdruck wurde stattgegeben. barbara caveng

"daheim: Einsitchen in flüchtige Leben"
22.Juli 2016 - 7.Juli 2017
Museum Europäischer Kulturen | Arnimallee 25 | 14195 Berlin
Di - Fr  10:00 - 17:00  Uhr | Sa und So 11:00 - 18:00 | Mo geschlossen