„Zlatan came to me. He's going tomorrow at 8 am“

04.08.2015 daHEIM

17:51/ 3.8. Es war also soweit. Dakel hatte mir die Botschaft per Whatsapp geschickt.

Ich dachte an das Gespräch zurück, welches ich vor sechs Wochen mit Ramizah und Zlatan geführt hatte um etwas von ihrem Leben als Roma in Bosnien zu erfahren und von ihren Beweggründen in Deutschland um Asyl zu ersuchen.

Die dreijährige Vanesa hatte während der 90 Minuten ununterbrochen gegessen. Genüsslich schleckte sie einen Lolli, verknusperte eine Tüte Minischokocroissants, knabberte Kekse und Schokolade, um  sich dann mit Wurstscheiben, die sie vor dem Verzehr sorgfältig aufrollte, in die salzige Geschmacksabteilung vor zuarbeiten. Sie kaute frohgemut und unablässig. Mir schien die Mischung wild und unverträglich. Plötzlich schrie sie, einen Gesprächsfetzen aufgreifend, auf: „Bosnia, nein!“. Sie feuerte ihre Playmobil Bauklötze in unsere Richtung ab. „Bosnia, nein! Bosnia, Hunger!“.

Wir saßen auf roten Plastikstühlen an dem kleinen Tisch in Zimmer 12.

Es waren 90 Minuten ohne Zukunft.Es waren 90 Minuten ohne Hoffnung.

Zlatan ist 29 Jahre alt, Ramiza 22. Sie erwarten ihr zweites Kind. Die Übelkeit, die Ramizah noch vor wenigen Tagen an der Nähmaschine gequält hatte- die Gesichtsfarbe gelblich schimmernd, die Augen tiefbeschattet- war keine Magen-Darmgrippe gewesen, keine neuerliche Virusattacke, sondern Anzeichen einer Frühschwangerschaft.

„Hast du einen Traum?“ Eine Antwort, auf diese Frage konnte sie vor sechs Wochen nicht finden. „In einer großen Firma wolle er gerne arbeiten“. Mit einem Nachdruck, der vom Basssound der Verzeiflung getragen wurde, hatte Zlatan seine bescheidene Sehnsucht formuliert. Ich dachte an das Deutschlehrbuch Niveau A2 von Ruba. Da ging es um Gabelstapler und Lagerarbeiter. Der Text war mir absurd erschien. Jetzt sah ich plötzlich Zlatan auf einem Gabelstapler durch eine riesige Halle fahren. Mit stoischem Blick aus mongolischen Augen, cool und lässig seinen große Traum vom ersehnten „normalen“ Leben zwischen den Regalen manöverierend.

Ein besseres Leben für Vanesa wünschten sie natürlich, mit Kindergarten und Schule. Sie sagten es so, als wäre ihnen der Glaube an ihre eigene Zukunft schon abhanden gekommen.

„He said the taxi will come at 8 and the bus will leave at 10“

Wir saßen vor unseren Tassen rührten Nescafépulver in lauwarmes Wasser. In zwanzig Minuten würde also das Taxi kommen. Eine Nachbarin von Haus Nr. 62 hatte uns ein paar Kinderschuhe geschenkt. Rosa Sandaletten deren Riemchen mit Straßsteinen bestückt waren. Wir hatten sie für Vanesa aufgehoben. Für den Tag der Abreise.

„Ich wollte doch heute noch kochen“, sagte Ramizah bevor wir die Taschen raustrugen. „Für Picknick.“ Dann liefen ihr die Tränen runter. Auf ihrem dunkelblauen T-Shirt stand in weisser Schrift  "BE HAPPY".






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Ramiza, Valbona

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Zlatan, Hab und Gut

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Vanesa

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Ramiza, Vanesa, Zlatan, Valbona

Vanesa trägt ihre neuen Sandalen

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Vanesa

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Valbona, Ramiza

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Dakel, Alfred, Aymen, Valbona, Vanesa, Ramiza

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Vanesa

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Taxi zum Busbahnhof. Aymen, Alfred

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Abschied: Dakel, Vanesa

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Vanesa

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...."the taxi will come at 8 and the bus will leave at 10"