Sve dobro

23.10.2015 daHEIM

Die Türhälften gleiten zu, die Gummilitzen schließen, aufeinander gepresste Lippen, ein Wimpernschlag und draußen vor Tür weint Zineta um ihre Freundin und vielleicht auch um ihr eigenes Leben.

 

Ruschkas Augen waren trocken geblieben bis zum bitteren Schluss. Ihren Blick hielt sie lange direkt in die Augen ihres Gegenübers gerichtet - ein letzter Kraftakt: „Schau mich an“.
Kindheitserinnerung: Mit der Konfrontation der Blicke hatten wir uns in den Pausen auf dem Schulhof aneinander gemessen: Verlierer war der, dessen Mundwinkel zuerst zuckte, der sein Antlitz verhüllte, seinen Blick abwandte. Nach diesen Regeln, hätte Ruschka fast jeden besiegt in den letzten zwei Wochen.

Verloren hat sie trotzdem.

Der Bus verließ um 17 Uhr in sanftem Gleiten, fast geräuschlos, das Gelände des Zentralen Omnibus Bahnhofes Berlin Richtung Serbien, geplante Ankunft Novi Sad 8:35 h.

Contenance – das schöne Wort aus dem Sprachgebrauch des Bürgertums, welches Haltung in allen Lebenslagen fordert, hat sie, die stolze Romni bewiesen, als sie auf einem Opens external link in new windowweißen Papier in den Abgrund blickte.

„It's sad“. Die Worte der Frau aus Albanien waren bitteren Klanges, ihre Gesichtszüge hart. Sie hatte sie vor zwei Tagen gesprochen. Auf dem 17 Meter langen Weg zwischen Eingangstüre zum Heim und Hoftor verteilten sich Ruschka und Milan, Enkelsohn und Enkeltochter. Die Familie war kaum in der Lage ihr Gepäck zu bewältigen. Das Mädchen verharrte auf einen roten Staubsauger gestützt. Auf Milans Geheiß setze sich der Prozessionszug der Abgeschobenen unter schwerer Last entlang des Zaunes in Bewegung.

„Jetzt müssen wir die Betten frei machen für die arabischen Leute, die Syrischen“. Die Müdigkeit, die ich den ganzen Tag als verschlossene Kapsel in mir trug, verwandelte sich in eine Wut, die explodieren wollte. „Nein“, entgegnete ich der Bewohnerin, „so, ist das nicht. Die Syrer nehmen euch kein Bett weg. Ihr müsst gehen, weil euch nach Deutschem Recht kein Asyl zusteht“. Ich hörte mich reden über die Definition von Asyl, die Genfer Konvention und enden mit der Frage, ob ihr denn eigentlich das Deutsche Asylrecht bekannt sei.

Ich trat einen Schritt zur Seite. Abgewandt dachte ich an Opens internal link in current windowAl Khaled, der bei solchen Diskussionen den Gesprächskontrahenten stets aufgefordert hatte: „Dann geh doch anderswohin, wenn es dir in Deutschland nicht passt und stell deinen Asylantrag dort.“

Ich hätte das gerne gesagt.

Das System, welches ich verteidigt hatte, hat im Falle vonOpens internal link in current window Ruschka und Milan versagt. Die juristisch korrekte Entscheidung ist nicht die Antwort auf die Frage, warum Menschen, die zweieinhalb Jahre geduldet in einem 16qm Zimmer leben, innerhalb von vierzehn Tagen abgeschoben werden.

Ruschka und Milan sind immer noch Roma und haben in Serbien kaum Chancen auf Bildung, Arbeit und ein menschenwürdiges Leben. Milan ist immer noch herzkrank. Sie sind mittlerweile jenseits der fünfzig. Sie sprechen fließend deutsch. Berlin war ihr Zuhause. Sie waren integriert.

Sie ließen sich nicht schieben, sie sind in Würde gegangen.

 

Nachklapp: Petra reicht den Kaffeebecher über die Kuchentheke. „Wat is'n bei euch los?“ Die Bäckereiverkäuferin nimmt durch die Glasscheiben des Shops Anteil am täglichen Leben des Heimes. „Wat, die Zwee, die Frau mit die Blumen und dem Mann, die hammse abjeschoben? Det rettet die Syrer ja och nich, wa?“

Sve dobro, alles Gute!

… dann schickt  Petra noch hinterher:

„Also, da krieg ich ja jetzt ne Jänsehaut“

... und Valdrina wurde heute 11 Jahre alt.


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Abschied: bc, Ruschka, Milan, Melisa, Dachil

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Abschied: Zineta, Ruschka

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Abschied: Melisa, Dachil, bc

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Abschied: Melisa, Dachil, bc

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Abschied: Melisa, Dachil, bc

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Abschied: Melisa, Dachil, bc, Zineta

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Kumrije & Valdrina am in ihrem elften Geburtstag