Mein größter Wunsch ist ein normales Leben.

31.03.2015 Wortrauschen

Es ist ein einfacher Wunsch. Aber... ich gehöre nicht zu den Glücklichen im Leben.

Ich bin hierher nach Berlin gekommen, um ein neues Leben zu beginnen, ein schönes Leben und um Arbeit zu finden.

Ich kann Vieles, es gibt nur ein kleines Problem... ich verstehe kein Deutsch oder Englisch. Ich spreche, italienisch, ägyptisch und etwas spanisch. Aber... beim Interview auf dem Gericht habe ich so getan, als verstände ich kein Italienisch. Ich habe nur vor einer Sache Angst- dass man mich wegschickt. Ich möchte hier bleiben. Ich weiß, wie ich bin: ich bin tüchtig, anständig, ich habe den Wunsch in mir, zu arbeiten. Ich hab immer gearbeitet und gearbeitet, seit ich klein bin. Aber wenn man eine neues Leben anfängt, eine neue Welt betritt, ein neues Land – dann ist es für eine bestimmte Zeit natürlich ein bisschen schwierig diese Welt zu verstehen und zu sprechen, weil alles neu ist.

Ich bin seit drei Monaten in Deutschland – Es ist das erste Mal, dass ich Deutschland betreten habe.

Ja... ich war lange in Italien, aber ich habe der Polizei während des Prozesses gesagt, ich hätte mich nur kurz in Italien aufgehalten, ungefähr vier Monate. Ich habe das gesagt, weil ich Angst habe, dass sie mich wegschicken und ich will nicht gehen, weil es da nichts gibt.

Ich war ein Kind als ich Ägypten verließ, zwölf, dreizehn Jahre alt. Ich bin mit anderen Dorfbewohnern und einigen Cousins aufgebrochen. Denn ich habe so viele Cousins... Ich habe zwei Onkel in Italien, Cousins, Brüder, seit vielen Jahren... Meine Mutter ist nicht in Italien, die drei Brüder schon. Mein Vater ist tot. Er ist gestorben als ich noch ein Kind war, in Ägypten. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater starb.

Wir sind in einem kleinen Haus aufgewachsen - mit Schmerzen.... Wir brauchten zu essen, die Mutter, die drei großen Brüder und ich, der Kleine. Mein Bruder war bereits zwölf Jahre alt, als mein Vater starb.

Ich bin immer in Kontakt mit meiner Mutter, spreche oft mit ihr.

Ja, ich bin mit dem Boot gekommen – von Libyen nach Lampedusa. Das war 2002/ 2003. Ich hab so vieles erlebt und das Leben der Straße kennengelernt. Mein Leben war einfach hart, hart, hart....

Spielen oder so was, ich habe das nie gemacht, das alles, was die Kinder so machen...

Als ich als Kind die Mutter verlassen habe, dachte ich, ich breche auf in besseres Leben – mit meinem Bruder, den Cousins. Ich dachte sie werden Geld verdienen und ein Haus kaufen und ein Auto – schöne Sachen.

Meine Mutter wollte nicht, dass ich die Reise wage. „Nein“, sagte sie „du kannst nicht reisen, du bist ein Kind“.

„Ich will gehen“, war meine Antwort. Es gab ein Riesentheater. Ich hatte Fotos von Italien gesehen, von meinem Bruder und meinem Cousin, die dort schon waren... Aber eigentlich war das gar nicht möglich ohne meine Mutter, als Kind, ohne Pass.... Meine Mutter hat dann mit mir zusammen einen Pass machen lassen. Sogar auf der Behörde haben sie gesagt – „Signora, das geht doch nicht, er kann nicht reisen, er ist doch ein Kind.“

Sobald ich den Pass bekam, reisten wir ab – mit einem Auto drei Tage auf der Straße von Ägypten nach Libyen, durch die Wüste. Es ist so sehr gefährlich, so sehr.

Soviele Menschen sterben auf dieser Strecke, so viele, und auf dem Schiff, im Boot.... Libyen ist ein einziges Bordell, ein Schlamassel, ein Problem. Es ist so schwierig und so hart... man riskiert zu sterben. Ich war 45 Tage in Libyen und drei Tage auf dem Meer.
In Libyen haben wir in einem großen Lagerhaus gewohnt. Es gab eine Kochgelegenheit und einen Ort, wo man essen konnte. Geschlafen hat man auf der Erde. Wir haben einen Teppich ausgebreitet... Nach 45 Tagen war das Boot bereit. Wir waren vierzig Personen. Das Boot war fünfzehn Meter lang und neu. Es gab Benzin, wir hatten etwas Brot und Käse zu essen. Dann sind wir losgefahren, vierzig Menschen in diesem kleinen Boot... Das Meer war gut, ruhig.... Wäre es nicht ruhig gewesen, wären wir nicht gefahren. Sonst ist es lebensgefährlich. Streckt man seine Hand aus berührt man das Wasser. Es ist ganz nahe. Als wir das italienische Gewässer erreichten, entdeckte uns ein Kutter, der ein großes Schiff rief, welches uns aufnahm. In Lampedusa blieb ich nur wenige Tage, dann bin ich mit meinem Bruder und meinen Cousins nach Milano weitergereist. Das war o.k. In Italien hab ich dann die Schule gemacht. Ich hab zusammen mit meinem Bruder und den Cousins in einem Haus gewohnt. Aber es war kein „normales“ Leben. Ich bin in eine unbekannte Welt eingetreten, ich hab so vieles ohne richtigen Beweggrund gemacht. Meine Familie ist arm. Wir sind nicht reich... Die Zielsetzung meines Lebens ist zu arbeiten. Mit 25 wollte ich ein Haus haben, mit 30 maximal, und eine Familie, eine gute Arbeit... einfach ein normales Leben. Aber es ist mir nicht gelungen. Ich bin nicht glücklich – ich habe so viele Dinge gesehen, soviel, wie man sich nicht vorstellen kann... und habe soviel Schmerz gesehen.

Ich war sehr klein, als es hieß, „komm alleine klar“. Ich war nicht groß wie jetzt, ich war klein.

Ich wurde dann von einer Gemeinschaft aufgenommen, in der ich vier Jahre blieb. Ich habe eine Malerausbildung gemacht und mit Diplom abgeschlossen. Ein gutes, wirklich sehr sehr gutes Diplom. Ein Grundschulabschlusszeugnis bestätigt, dass ich italienisch verstehe und schreiben kann, ich habe ein Diplom von einem Herrn aus Sizilien darüber, dass ich sizilianische Süssigkeiten herstellen kann- Torta, Cassata, Arancini, Cannoli. Ich kann das sehr sehr gut. Schau dir die Website Opens external link in new windowcosenostre an, Via della Chiesa Rossa, 71 20142 Milano, da siehst du, was ich gemacht habe. Das war eine schöne Zeit, gute Bezahlung... Aber dann bin ich in Welt der Drogen eingetreten. Ich hatte mich schlecht gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass sich alle so weit von mir entfernt haben, meine Brüder... alle weg.... Zuerst habe ich Drogen konsumiert, ich hab soviel Haschisch und Marihuana geraucht, Kokain. Dann habe ich gedealt. So viel... Geld hatte ich genug, ich hatte Arbeit. Aber dieser Einstieg in die Drogenwelt war nicht gut. An diesem Punkt haben meine Brüder gesagt, alles klar, mach dein Leben alleine. Es war eigentlich alles in Ordnung, ich hatte ein Haus, ein Auto, eine Arbeit - es war einfach blöd, mein Gott, unfassbar blöd. Ich bin mit der italienischen Polizei aneinander geraten. Ich bin nicht einverstanden mit der italienischen Polizei. Dann war ich im Gefängnis in Italien, verhaftet, inhaftiert.

Am 25. März 2014 wurde ich nach einem Jahr und zwei Monate aus dem Gefängnis von Pavia entlassen.


Ich bin dann als Asylsuchender für fünf Monaten die Schweiz gegangen. Basel, Aarau, (…),(...).

Es war gut, aber ich habe leider nichts verstanden, ich war in der Deutschschweiz. Es war nicht möglich länger zu bleiben, ich habe keine Arbeit gefunden, es war schwierig, ich habe nichts verstanden. Ich habe ein bisschen mit Arabern Geschäfte gemacht, aber dann dachte ich mir – ich gehe nach Deutschland, ich mach die Probe, wage den Versuch. Ich bin nach Italien zurück, von Italien nochmals in die Schweiz gereist und von der Schweiz aus nach Deutschland.
Ja, ich bin in der Schweiz registriert...

Hier gibt es viele italienische Geschäfte, Pizzerien. Ich möchte eine Konditorei aufmachen. Wirklich, ich habe darüber nachgedacht – zusammen mit dir und Aymen. Schön, schön, schön. Ich koche mit meinen Händen, mache gute Sachen... aus wenig Geld, kann man viel Essen zubereiten. Ich könnte Dolci machen oder als Maler arbeiten....

Aber, ich weiß nicht... ich weiß nicht. Nichts weiß ich. Ich gehöre nicht zu den Glücklichen, glaub mir...

Ich will nicht nach Italien zurück... Es gibt dort nichts. Nichts zu Essen, keine Arbeit... nur den Drogenhandel...

Ja, Italien ist ein schönes Land, aber es gibt nichts – Lavoro, Arbeit, nein. Das gilt für ganz Italien und auch die Italiener finden keine Arbeit. Wenn ich nach Italien zurückkehre, wohin soll ich gehen? Soll ich Drogen dealen?

Ich will keine Drogen dealen. Ich bin jetzt 25 Jahre alt... es reicht... ich möchte vorankommen, mit guten Leuten zusammen sein. Wenn ich gute Leute kennenlerne, wird sich mein Leben verändern, verstehst du? Ich möchte vorankommen.

Ich hatte einen Gerichtsprozess, aber meine Geschichte habe ich nicht erzählt.

Ich habe einen Fingerabdruck in der Schweiz. Den ersten in Italien, den zweiten in der Schweiz. Aber das ist kein Problem. Das ist Europa. Wenn die Zeit um ist, muss ich dann nach Italien zurückkehren? Nein! Das ist Land Gottes. Wir sind Menschen. Das ist nicht mein Land und nicht deines. Zu sagen,“du bist Ägypter, du bist ein Fremder, deine Zeit ist abgelaufen, geh...“, nein, das geht nicht. Wir sind Menschen. Ich bin ein Mensch. Auch ich habe ein Herz, auch ich habe Augen... ich fühle... Die Erde nimmt uns als Gäste auf. Wir sind alles Gäste... Es ist nicht mein Land, es ist nicht dein Land, das Land gehört niemandem...

Ich möchte hierbleiben. Ich möchte ein normales Leben leben: Arbeit finden, eine Frau, ich möchte ein Haus bauen und eine Familie gründen. Alles ganz normal, normal, wie alle, wie alle. Das wäre ein schönes Leben.

Aber um das alles zu machen, muss ich Leute finden, gute Leute, vertrauenswürdige, freundliche, sympathische, dann kann ich mein Leben ändern.

Hier im Heim habe ich Freunde gefunden. Es ist gut hier, alles gut. Wenn ich irgendwohin gehe, lerne ich sofort Leute kennen. Ich komme mit allen klar. Auch wenn ich Worte höre wie, „Scheißkerl“ oder „Bastard“, sage ich „Danke, Herr“. Ich höre immer das Gute. Aber in mir drin, bin ich nicht zufrieden mit mir. Nicht für die anderen, für mich. In mir drin.

Ich bin Christ , christlich-orthodox. Ich glaube an Jesus, Maria, die Heiligen, Gott, an anderes nicht. Anderes will ich nicht glauben. Das reicht. So ist es gut.

Ich hatte niemals eine Beziehung zu einer Frau, ich war niemals in eine Frau verbliebt, oder habe einen Zugang zu einer Frau gefunden. Ich habe gearbeitet, war unterwegs mit Freunden, aber mit einer Frau war ich nie wirklich zusammen...

Wer ist wichtig in meinem Leben? Niemand, außer meiner Mutter. Es gibt nichts wichtiges in meinem Leben. Nur meine Mutter. Ich habe meine Mutter das letzte Mal im Jahr 2008 gesehen. In Ägypten. Danach haben wir nur noch telefoniert, ständig. Ich habe Fotos von ihr gesehen.

Es gab eine Zeit, da war ich nicht mit ihr in Kontakt. Als ich im Gefängnis war. Sie war herzkrank, musste operiert werden, sie konnte nicht mehr atmen. Sie hat mich in dieser Zeit nicht angerufen. Da wo ich geboren bin, in Ägypten, da spricht man sehr viel, man spricht ständig. Sie hat jeden gefragt, „hast nicht etwas von meinem Sohn gehört?“. Jemand hat ihr gesagt, ich sei für dreißig Jahre im Gefängnis gelandet. Meine Mutter hat gehört, was die Leute sagen: „Signora Carima, dein Sohn arbeitet mit der Mafia, dein Sohn ist für dreißig Jahre im Gefängnis gelandet, dein Sohn hat jemanden umgebracht“. Meine Mutter war erschöpft. Nach fünf, sechs Monaten habe ich sie angerufen: „Filio mio“, seufzte sie, „Filio mio, dove sei andato?“ - „ Mein Sohn, was ist mit dir passiert?“

„Mama“, habe ich geantwortet, „mir geht es gut. Es ist alles in Ordnung.“

Meine Mutter lebt mit einer Tante, mit einem Onkel, mit der Verlobten meines Bruders.... Meine Familie ist sehr groß. Sehr, sehr groß. Ihre Häuser bilden das Dorf: da ein Onkel, dort ein Onkel, noch ein Onkel- so viele. Sie sind eine Gemeinschaft. Sie ist nicht alleine. Ich möchte, dass sie für eine Weile herkommt und ich etwas Zeit mit ihr verbringen kann. Ich möchte, dass sie etwas von der Welt sieht. Ich möchte etwas Schönes für sie machen, ich möchte ihr etwas von Europa zeigen. Danach würde sie wieder zurückgehen nach Ägypten.
Ich bin in Abnub geboren. Abnub gehört zur Kommune Assiut. Mit dem Auto ist es ungefähr eine halbe Stunde von Assiut nach Abnub. Assiut ist groß, wie Berlin.

Mein größter Wunsch ist ein normales Leben. Glücklich zu sein mit meiner Familie, glücklich mit den Menschen zu sein. Es ist ein einfacher Wunsch.

Aber... ich gehöre nicht zu den Glücklichen im Leben. Von Geburt an wurde ich nicht beglückt.

Dies ist kein Haus der Glücklosen, aber es ist ein Haus von Menschen, die bedürftig sind.

Die Zeit vergeht so schnell. Die Zeit jetzt ist keine glückliche Zeit. Die Zukunft? Ja... vielleicht hoffe ich immer auf das „wahre Leben“ in der Zukunft. Aber ich will nicht warten, ich will machen, ich möchte etwas machen.

Ich brauche etwas Hilfe... eine kleine Hilfe... um mein Leben zu ändern.... wenn nicht...
ich kann so nicht mehr weitermachen.

 

aus dem Italienischen transkribiert.