216 Yasir & Hussen

caveng_KUNSTASYL photo Dachil Sado

Yasir kam im August 2015 aus dem Irak nach Berlin. Seine Bemühungen in einem arabischen Land- Kuwait, Katar oder den Arabischen Emiraten -  Asyl zu bekommen, scheiterten. So machte sich auf den Weg nach Europa.

Yasir: Eine 30-jährige Kriegsbiographie – Überleben auf dem Schlachtfeld eines globalen Krieges

Er wurde geboren am 14.12.1985. Da waren fünf Jahre des Iran-Irakkrieges bereits vergangen. Er würde gehen und sprechen lernen während dieses Krieges. Seine Stadt Mosul liegt im Gouvernement Ninive.

„Seht die Großstadt Ninive,
diese liegt seit eh und je
weit im Lande, fern vom Meer,
viele Berge ringsumher. “


In diesen naiven Zeilen eines christlichen Kinderliedes wird die alte assyrische Hauptstadt besungen, in deren Bibliothek sich das zwölf-Tafel-Epos von Gilgamesch, dem König von Uruk befand. Es ist ziemlich lange her, dass der Held - göttlich-menschliches Mischwesen - der ersten Dynastie von Uruk vorstand; Alleweil 2600 Jahre liegt seine Regierungszeit zurück.
Gilgamesch war auf der Suche nach Unsterblichkeit.

Kein Toter aber schaut der Sonne Glanz.1

Am 14. August 2014 trat der irakische Ministerpräsident Nuri-al Maliki zurück. Die Elitetruppen, die der Machthaber in den Organen von Militär und Geheimdienst installiert hatte, hätten auch Yasir fast das Leben geraubt.
Er landete nach einer willkürlichen Verhaftung im Folterkeller des Regimes. Fast mehr noch als die Torturen am eignen Leib und Seele aushalten zu müssen, peinigte ihn das unerträgliche Leiden der anderen im Sehen teilen zu müssen.
Nach einem Monat und fünfzehn Tagen kam er frei.
Der Folterkeller hat ihm den Schlaf geraubt. Seit sieben Monaten bekommt er ärztliche Hilfe.

Vater, Mutter, Schwester hatten die 45 Tage seiner Abwesenheit in Ungewissheit verlebt. Yasir war nach einem Unfall des Vaters zum Alleinernährer geworden. Sein drei Jahre jünger Bruder war 2004 auf dem Weg zur Schule ums Leben gekommen. Nach der Explosion einer Autobombe hatten amerikanischen Soldaten das Feuer eröffnet. Der 12jährige Junge starb in den Kugeln.

Yasir trat in der 12. Klasse aus der Schule aus, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Fortan arbeitet er an der Stickmaschine, applizierte Logos auf Textilien. Seine Schwester studierte an der Universität Mosul Physik, bis ISIS den freien Geist der Bildungsinstitute kasernierte.

Am 8. Juni 2014 verließ Yasir seine Familie und den Irak wider Willen. Die Mutter schickte ihn weg, um ihn als Sohn zu behalten. Sie zwang ihn zur Flucht als die Kämpfer vor den Toren der Stadt standen. Sein Name steht auf der Suchliste des Islamischen Staates. Die Trennung von der Familie erlebt er als Amputation. Die Sorge um das Überleben der Angehörigen und das Wissen um deren finanzielle Not  lastet schwer auf ihm.  Der achtzigjähriger Vater ist seit 2007 querschnittsgelähmt und arbeitsunfähig.

Seit Anfang Februar 2016 gibt es über Satellit wieder eine Internetverbindung nach Mosul. Der Nachbarn ermöglicht es den Familienmitgliedern miteinander zu kommunizieren. Die Telefone sind schon lange tot. Die irakische Regierung hatte den Norden mit der Region Kurdistan vom Netz genommen, um dem IS den Kampf zu erschweren.

Über Erbil floh Yasir in die Türkei. Elf Monate blieb er in Sakarya, einer Provinz zwischen Ankara und Istanbul. Dann war das Geld aufgebraucht, eine Arbeit fand er nicht. Er nahm den Seeweg über die Ägais zur Insel Kos, begab sich auf die Odyssee von Athen durch Mazedonien, Serbien nach Ungarn. Man nahm ihm den Fingerabdruck, er steckte Schläge ein. Im Juni 2015 kam erreichte er München. Bewusst habe er sich für Deutschland entschieden. Sein Deutschlandbild wurde wesentlich geprägt durch Sendungen der „Deutsche Welle“, die er ihm Irak regelmäßig geschaut hatte. Die Deutschen machten ihm einen netten Eindruck und sie schienen die Würde des Menschen zu achten.

Er fühlt sich wohl in Deutschland, mag Land und Leute und die deutsche Sprache. Er übt sich darin, den Irak zu vergessen. Balanciert über gedankliche Abgründe, lebt mit sorgenvollen Gedanken an Vater, Mutter, Schwester. Auch er verwendet die Formulierung: „Ich muss bei null anfangen“. Point Zero.

„Ich bin Optimist. Ich lebe nicht nur die Gegenwart. Ich will Deutsch lernen, beherrschen und arbeiten. Ich will weg vom Sozialamt, eigenverantwortlich sein und Steuern bezahlen.“

Er rechnet damit, dass die Deutschen vielleicht bald genug haben von den Menschen, die in ihr Land geflohen sind. „Wäre kein Krieg im Irak, wäre ich niemals gekommen“, sagt er. „Wer sein Land verlassen muss auf Grund von Krieg, hat ein Recht auf Asyl“.

Er hat 30 Jahre Krieg im eigenen Land erlebt. Er hat einen einzigen Freund, mit dem er aufwuchs und in dessen Haus seine Familie jetzt das Internet benutzen kann. Auf die Frage, ob er in Deutschland erste freundschaftlichen Kontakt aufbauen konnte, erzählt er von Catherine. Die Opernsängerin bringt manchmal Konzertkarten in seinen Sprachkurs. Sein erstes Opernerlebnis beschreibt er in sprachlichen Superlativen und preist es als herrlich.

Die zwölfmonatige Flucht durch mehrere Länder war die erste Reise seines Lebens.

 

1 Gilgamesh, Zitiert aus, Helmut Feld "Das Ende des Seelenglaubens", LitVerlag, Berlin 2013, Seite 20


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Detailansichten des Raumes, den er sich mit dem Syrer Hussen teilt.