202 MAZIN

Mazen
Detail Raum 202
Detail Raum 202


Ich habe im Oktober 2014 Syrien verlassen. Es war mir egal, ob dort Krieg herrschte, es kam für mich nicht in Frage Syrien zu verlassen. Dort hatte ich meine Familie, meine zwei Restaurants, die ich besaß und auch zwei Restaurants, die ich gemietet hatte. Ich verließ Syrien erst nach dem Vorfall, den ich erlebte. Eines der Restaurants, welches ich gemietet hatte, befand sich in einem von Assad beherrschten Gebiet. Dort verteilte ich oft kostenlos Essen an die Armen. Wenn aber Leute von der „Shabiha-Miliz“ kamen, verlangte ich von ihnen, dass sie das Essen bezahlten. Eines Tages kamen wieder zwei Shabiha und verlangten Kibbeh für ihren Vorgesetzten. Ich fragte sie, ob sie das Geld dafür hatten. Als sie dies verneinten, sagte ich zu ihnen, dass sie das Essen bekommen würden, sobald sie das Geld dafür herbrachten. Daraufhin kamen fünf, sechs weitere Personen und brachten mich zu ihren Vorgesetzten.  Dort wurde ich geschlagen und der Miliz wurde befohlen mir den wichtigsten Finger abzutrennen damit ich nicht mehr arbeiten kann - mit einer Schere mit der man Hähnchen schneidet. Der Vorgesetzte wollte dann den Finger sehen. Ich habe der Person Geld gegeben, umgerechnet ca. 100 Euro, damit sie nicht diesen [den Zeigefinger] sondern diesen Finger [den Ringfinger] abtrennt. Das war der Punkt an dem ich mich dazu entschied Syrien zu verlassen. Eigentlich wollte ich nicht gehen. Obwohl ich meine eigenen Restaurants und mein Haus verlor, konnte ich andere Restaurants mieten. Ich kannte schon Leute in Deutschland, die mir rieten herzukommen. Auch habe ich Familie und Kinder und ich wollte nicht, dass sie durch Libyen, Italien mussten usw. Das braucht viel Mut und das wollte meiner Familie nicht zumuten. Aber jetzt musste es sein. Innerhalb eines Monats habe ich mit der Arbeit aufgehört und alles vorbereitet.

Ich habe mein Auto verkauft und mit dem Geld bin ich alleine nach Beirut, dann Algerien (in die Hauptstadt Algier), weil ich für Libanon und Algerien kein Visum brauchte. Zuerst war ich alleine aber in Algerien bin ich dann zu einer Gruppe von Syrern dazugestoßen und zusammen sind wir dann nach Tunesien und Libyen.

Es gibt eine Webseite für Leute, die illegal fliehen wollen. Die Seite (Facebook-Gruppe) heißt „كراجات المشنططين“ (DMG karāǧāt al-mušanṭiṭīn). Dort gibt es Informationen wie z.B. „Ich gehe vor Ramadan in die Türkei, wer mitkommen will, soll sich melden“, „Ein Schlepper in Izmir, er ist sehr zuverlässig, organisiert eine Gruppe von 15 – 20 Leuten, mit der wir in die Türkei gehen. Wer mitkommen will, soll sich melden.“ oder auch „Ich brauche einen Schlepper aus der Türkei. Günstig. Über Griechenland.“. Alle meine Informationen habe ich von dort. Nach meinem Unfall habe ich mit zwei Söhnen von meiner Schwester gesprochen, sie haben mir die Nummer eines Schleppers gegeben.

Anschließend bin ich von Libyen aus über das Meer gefahren. Zuerst nach Italien dann Frankreich, Paris. Meine Familie, Frau und zwei Kinder, hatten sogar eine noch schwierigere Route. Sie sind in die Türkei und von dort aus mit dem Flugzeug in den Sudan, dann nach Libyen zehn Tage durch die Wüste. Zwei Monaten waren sie unterwegs. Seit kurzem braucht man nämlich ein Visum. Wir hielten Kontakt, aber als meine Familie in der Wüste war, war das nicht möglich. Das war sehr schwierig für mich.

Solange ich gesund bin, gibt es für mich keine Vergangenheit mehr. Alles was ich in Syrien hatte, habe ich selbst erreicht. Das kann ich wieder schaffen. Alles Materielle, das Haus, die Restaurants, das habe ich vergessen. Die einzige Sache an die ich mich immer wieder erinnere und die ich nicht vergessen kann, ist der Vorfall mit meinem Finger. Es gibt für mich keine emotionale Verbindung zu Syrien. Einzig die Kindheitserinnerungen sind schön, später gab es nur noch Arbeit. Als ich dann nach Deutschland gekommen bin, habe ich gesehen, dass es nicht nur Syrien gibt, sondern auch eine andere Welt. Und diese Welt ist sehr schön, sie ist anders: es herrscht keine Anarchie, es gibt Regeln und Gesetze. Es gibt Leute die mich respektieren wie ich bin. Nach dem Unfall gab es für mich zwei Möglichkeiten: ich konnte gegen Assad kämpfen oder ich konnte fliehen. Aber wenn ich mich der Opposition anschließen und mich gegen Assad stellen würde, wäre meine Familie in Gefahr gewesen. Aber Erinnerungen und Emotionen stellt man nicht zu und mit einem Ort her, sondern mit Menschen, die man liebt. Ich kann hier neue Erinnerungen schaffen.

Die Familie in Damaskus ist nicht in Gefahr aber mein älterer Sohn und meine Tochter studieren an der Universität in Damaskus. Das ist gefährlich. Mein Sohn wurde von der Shabiha festgenommen und geschlagen. Er wurde gefragt wo sein Vater ist. „In Deutschland“. Aber das darf man eigentlich nicht sagen. Ich habe ca. 1200 Euro gezahlt, damit sie meinen Sohn wieder frei lassen. Ich selbst habe 400 Euro bezahlt. Inzwischen habe ich hier 3500 – 4000 Euro Schulden. Aber der Bruder meiner Frau - ich kenne ihn nicht - lebt seit ca. 30 Jahren in Amerika und schickt uns Geld, wenn wir welches brauchen.

Syrien ist für die nächsten Generationen zerstört. Die verschiedenen Ethnien verstehen sich nicht mehr. Auch wenn Assad geht, gibt es für mindestens zehn weitere Jahre keine Perspektive mehr für Syrien.

 

Das Interview mit Mazin wurde am 9.6.2015 aufgezeichnet und von Saffaa Moussa transkribiert.

Mazin ist zweimal verheiratet. Seine zweite Frau lebt mit den Söhnen Mohammad und Zaijn in einem Hostel in Berlin. Seine erste Frau wartet noch auf die Familienzusammenführung.

Kibbeh by Mazin from KUNSTASYL



HJIBA | MOHAMMAD & ZAJIN

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Mazin, Zajin, Hjiba, Mohammad

Hijba, Mohammad & Zajin wohnen in einem Apartmenthouse in Steglitz.

Mohammad, Zaijn
Das Schlafzimmer | Mohammad, Zaijn
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Die Küche | Mohammad
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Das Bad
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Zajin und Mohammad auf dem Balkon
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Flur | Auf dem Boden Waschtermine
Aussenansicht des Apartmenthauses