Strahlende Zeiten

22.11.2016 daHEIM

Am nächsten Sonntag ist Erster Advent. Dann beginnt die hohe Zeit des Türschmucks: Stroh-Engelchen, Glaskugeln, Myrtenzweige und immergrüne Tannenkränze werden wieder an die Wohnungstüren genagelt oder man betraut - in Rücksicht auf das gute Mietverhältnis – den Saughaken, an dem sonst der Waschlappen baumelt, mit der edlen Aufgabe, das anbrechende Idyll zu verkünden.

Die Dekoteile mit und ohne Lichteffekt warnen den Besucher, dass der Mensch hinter der aufgeschmückten Türe für dieses Jahr genug hat: genug Stress, genug ausgehalten, gelitten, verstanden. Der will nicht mehr. Das Elchgeweih mit künstlichem Schneebesatz ist die vorweihnachtszeitliche Version des in Hotels üblichen Türanhängers „Bitte nicht stören – please do not disturb“.

Der erste Tüschmuck im Heim erschien an Tür Nr. 6 im Erdgeschoss. Schnörkellos, lamettafrei und makellos puristisch klebte eines Morgens ein silbernes Quadrat auf gebrochen-beigem Grund. Platzierung und Material zeugten von Extravaganz. Die 31 x31cm Alufolie tendierten stark zur rechten oberen Ecke, lapidar befestigt mit einem durchsichtigen Tesastreifen.

Darüber lässt sich nachdenken: Welche Botschaft sollte dieses Stück Alufolie an der Tür vermitteln? Die Bewohnerin des Zimmers ist eine hochgewachsene Erscheinung mit blassem Teint, deren Kleidung mir von zwei flüchtigen Begegnungen auf dem Flur - mit Kopftuch und langem Mantel - als klassisch muslimisch in Erinnerung blieb. Alufolie als Adventsschmuck schied damit aus. Hatten ihre Kinder diese ästhetische Geste gewagt? Was verbarg dieses Stück Folie, in welches man üblicherweise Wurst und Käse wickelte, hier aber als geheimnisvoll silbernes Zeichen erschien?

Die Frage war noch nicht beantwortet, da tauchte die nächste silberne Fläche auf, nun eher als Rechteck, an der Türe von Nr. 7 - mittig gesetzt, zur Unterkante bündig.

In Raum Nummer 7 lebt Mohammed Beton mit seiner Familie. Mohammed Beton ist kein Esoteriker. Das sagt schon sein Name. Der Mann ist tough. Er hat seine beiden Kinder der Balkanroute entlang auf den Schultern nach Deutschland getragen. Nicht anzunehmen, dass er sich ihm Heim mit Alufolie gegen böse Geister abschirmt.

Wenige Tage später erschien das nächste Zeichen am Pfeiler neben dem Feuerlöscher. Hatte es also doch etwas mit den vier Elementen zu tun?

Zwischenzeitlich bedeckte eine Silberstreifen das gesamte untere Drittel einer Fensterscheiben und ein weiteres Quadrat schmückte fein säuberlich die Fliesen im Eingangsbereich des Heimes.

Was war hier los? Würden sich die Bewohner demnächst mit Aluhüten ausrüsten um nach dem Vorbild eines 1927 erschienen Science-Fiction telepathische Wahrnehmungen zu blockieren?

Am vergangenen Samstag hatte KUNSTASYL zusammen mit dem Museum Europäicher Kulturen in der Ausstellung „daHEIM:Einsichten in flüchtige Leben“ zu einem Betttgeflüster eingeladen. Atef, Diwali, Said, Ezaldin und Mohammed Beton teilten ihre Bettkanten im Gespräch mit Museumsbesuchern. „Gordon“, wandte sich Atef an den ebenfalls anwesenden Heimleiter, „heute Abend ist ein Fußballspiel.“ Was wollte Atef? Den Leiter etwa zu einem Heimspielabend einladen? Unwahrscheinlich für einen Samstag. Nein. Atefs Bemerkung zielte darauf ab, dass sich um zehn Uhr abends das WLAN im Heim ausschaltete. Der Empfang in dem Gebäude war nicht weitreichend genug um auch die Zimmer am Ende der Flure mit Signalen zu versorgen. Um die Nachtruhe der Bewohner nicht zu gefährden durch begeisterte Fußballfans und andere Surfer, die sich in Folge dessen in den WLAN-Zonen auf den Fluren zusammenfanden, wurde der Netzbetrieb jeweils von 22 Uhr bis zum nächsten Morgen unterbrochen.
Also kein Fußballspiel und auch keine Gespräche nachhause.

Atef kommunizierte mit der Unterstützung eines Sprachvermittlers. Hamza, wahrscheinlich selbst ein Fan von Real Marid oder Juventus Turin, war erschüttert. Zweidrittel seines Übersetzerhonorares drückte er dem Heimleiter in die Hand zur Anschaffung eines WLAN-Verstärkers.

Heute wurden zwei dieser Teile installiert.

Die Alufolie als Signale empfangender Türschmuck ist jetzt weg.
Eigentlich schade.

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Aluquadrat an Tür Nr. 6

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Alurechteck an Tür Nr. 7

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Aluquadrat neben Feuerlöscher

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Aluquadrat im Eingangsbereich

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Alu vor Fensterscheibe

KUNSTASYL©Aymen Montasser

Bettgeflüster: Said fotografiert Atef

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In Rückenansicht: Der Heimleiter Gordon Grunwald, mit aufgestüztem Ellenbogen Atef Shuaib, neben ihm sein Übersetzer Hamza