"So ein Leben wünsch ich keinem" *

01.09.2016 daHEIM

Ein Besuch in Klina

Klina liegt im Norden des Kosovo, da wo der Krieg in den 90ern seinen Anfang nahm, da wo die UÇK1 vom Unabhängigkeitskämpfer Adem Jashari mitbegründet wurde, da, wo man lernt, dass Geschichte Interpretation ist und da, wo die Kriegswunden immer noch brennen. Bis heute muss die Grenze zwischen dem Kosovo und Serbin in der Region Mitrovica mit intenationaler Truppen geschützt werden und  Erbitterung verhindert Verständigung.

Im Februar 2016 hatte Kumrije noch Hoffnung auf ein neues, ein anderes Leben in Deutschland. Eines, welches ihr und ihrern drei Kindern eine Perspektive jenseits von Entbehrung bieten würde. Allein das normale Leben ist im Kosovo ein Wolkenschloss.
Dann kam „Letra“, der Schicksalbrief.

In Klina weiss man, was „Letra“ bedeutet: Wieder wird Eine zurückkehren aus Deutschland und die Not der Familie wird noch größer werden. „Kumrije“, sagen ihre Brüder, „hat gar nichts.“ Kumrije hat drei Kinder, die sie nicht ernähren kann. "Geht es ihr gut?", fragt die Mutter, "und Valentina, Valdrina und Fuad?".

Valdet braucht nicht einmal mehr einen Satz, um ein Leben im Kosovo zu beschreiben.Seine Geduld, Kraft und Hoffnung haben sich in 28 Jahren verbraucht. Der Bruder von Kumrije ist fertig mit seinem Land: SCHEISSE.Verzweifelt darüber, dass niemand in der Familie Arbeit hat, verzweifelt, dass das kleine Haus in dem zehn oder fünfzehn Menschen unterkommen, ohne fließend Wasser ist, dass das Licht nur stundenweise brennt, dass es keine Küche gibt, keine Waschmaschine und kein Bad, auch kein Clo, stattdessen eine Latrine in einem Verschlag. Der Staatsapparat widert ihn an, das System, welches seinen eigenen Regeln nicht folgt, der Betrug, die mangelnde Versorung der Bevölkerung in allen Punkten. SCHEISSE. Ein Land, welches Menschen zu Handlagern macht und den Jungen die Chance auf Bildung verwehrt.

Auch Valdet ist ein Zwangsrücker. Während der drei Jahre seines Asylverfahrens hat er gut Deutsch gelernt. Ohne Unterricht, wie immer schon. Dann hielt er „Letra“, das endgültige, negative Urteil in den Händen.
Seit er zurück ist, geht der Hausbau noch langsamer voran. Das Geld für die Materialien schickte er aus Deutschland. Die Brüder zuhause bauten, während er auf einen legalen Status hoffte. Junge Baumstämme ersetzen die Gerüststangen und stützen die Wandkonstruktion des typischen Ziegelsteinbaus ab. Für die guten Steine à 2 Euro/ Stück hat es nicht gereicht. Die für 20 Cent sind schwach und brüchig. Man erkennt in dem Rohbau zwei Zimmer, in denen immer noch zuviele Menschen schlafen werden müssen, ein dritter Raum ist als „Salon“ vorgesehen. Aus den Öffnungen, die einmal Fenster werden sollen, blickt man auf das alte Haus, in dem Kumrije zusammen mit ihren neun Geschwistern aufgewachsen ist. Und dann gibt es noch den einen Quadratmeter, der als Clo vorgesehen ist. Für eine Küche reicht es nicht. Auch im neuen Haus wird kein Wasser fließen. Kein Bad, keine Heizung.

Die Strassen nach Prekaz i Poshtëm sind holperig. SCHEISSE. Valdet steuert an den Schlaglöchern vorbei. Das Dorf ist zum Ort der Identität des unabhängigen Kosovo geworden. Die Ruinen der Gebäude, in denen 1998 die gesamte Familie Adam Jasharis unter bis heute ungeklärten Umständen erschossen, durch Bombeneinschläge getötet und massakriert wurde, sind Mahnmal und Gedenkstätten. An den Ehrengräber der 56 Menschen stehen zwei Soldaten stramm.

Dicht bewaldete Hügelzüge schwingen sich durch die Landschaft der Region Drenica. Für die Einheimischen haben sie ihre Schönheit verloren. Zwei Jahre hat sich Kumrijes Familie in den Wäldern der Hügel versteckt. So wie alle Bewohner der umliegenden Dörfer, die nicht ins Ausland fliehen konnten und heute nur noch die Sommermonate im Kosovo verbringen. Keine weißen Marmorplatten, nur die Bäume gedenken der ungezählten Toten, die nicht durch Kugeln starben, sondern in der Winterkälte erfroren.

"Zwei Jahre im Wald", sagt Valdet, "SCHEISSE". Er war damals zehn Jahre alt, Kumrije zwanzig. Mit ihnen überlebten die acht Geschwister den Krieg, Mutter und Vater.

Valdet ist seit einem Jahr wieder im Kosovo. Ein Jahr Stress: „Ich muss es nochmals versuchen. Eine deutsche Frau heiraten. Irgendetwas“. Keine Zeremonie mit Brautkleid und Papier besiegelte das Verhältnis mit der jungen Frau, die inzwischen Mutter des gemeinsamen vierjährigen Sohnes ist. Adelina lächelt. Für den Besuch hat sie sich sorgfältig zurechtgemacht und geschminkt. Sie möchte gerne einmal Deutschland sehen. „SCHEISSE. Wie soll das gehen? Sie wird ihr ganzes Leben im Kosovo verbringen.“ Adelina schüttelt den Kopf und lächelt weiter.

Selihe, die Mutter von Kumrije, die zwölf Kinder geboren hat und zwei davon verloren, steht erwartungsvoll im Rohbau des neuen Hauses. Noch weiss keiner, woher das Geld für die Fenster und Türen nehmen. Aber bald wird das Dach gedeckt.
"In ein zwei Jahren vielleicht", lächelt Selihe, "können wir in das neue Haus umziehen."

Ihrer Tochter hatte sie vor anderthalb Jahren zum Abschied gewünscht: "Ich möchte dich hier nie wiedersehen. Nur als Besuch".

Noch ist sie nicht zurück.

* Kumrije in einem Gespräch im Februar 2016
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Ushtria Çlirimtare e Kosovës | Befreiungsarmee des Kosovo

 


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Mit Valdet, dem 28-jährige Bruder von Kumrije, auf dem Weg von Mitrovica nach Klina

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Prekaz - Gedenkstätte für die Toten des Kosovo-Krieges

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Haus der Familie Jashari mit dem Portait von Adem Jashari, Mitbegründer der UÇK

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Blick aus dem Wald auf die ehemalige serbische Kriegsfront. Schwach zeichnen sich die Umrisse einer ehemaligen serbischen Waffenfabrik ab.

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Sie haben sich während des Krieges mit ihren Familien zwei Jahre im Wald versteckt: Selihe (rechts im Bild), Mutter von Kumrije. und eine Cousine im "Salon" des alten Hauses.

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Adelina und Valdet - Beide träumen von einem Leben in Deutschland

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Vermissen Valentina, Valdrina und Fuad: Die Kinder eines der Brüder von Kumrije

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Brüder Kumrijes

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Sie bauen das neue Haus.

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Adelina neben dem Herd, der die Küche der Großfamilie darstellt.

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Die Kuh für die Milchversorgung der Familie.

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Wachhund und Latrine

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Der Rohbau

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Besichtigung des Rohbaus

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Enkelsohn Selihes

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Der vierjährige Sohn von Adelina und Valdet

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Baumstämme ersetzen Baustützen

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Blick auf das alte Haus

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Hoffen auf eine Zukunft