"Siamo famiglia" II

13.04.2016 daHEIM

Unsere Arme staken wie Kompassnadeln in den Raum, Wege in alle Himmelsrichtungen weisend, blau ummantelt. Sekundenstille.

Wir wandten einander die Köpfe zu, auf unseren Gesichtern wahrscheinlich ein Lächeln und ganz bestimmt das Erstaunen darüber, dass ein Jahr vergangen ist, seit wir uns die Kittelschürzen und Blaumänner das erste Mal übergezogen hatten.

„Sie werden uns für Reinigungspersonal halten“. Dachil drückte sein Unbehagen aus als wir am Opens external link in new window21. März 2015 vor der hell erleuchteten Zitadelle in Spandau standen, in Arbeitskleidung, das KUNSTASYL- Logo auf dem Rücken. Wir zögerten, holten Anlauf und drangen zwischen das satinschimmernde Publikum mit Pailettenglanz in den Augen. Die Gäste hatten sich zum Frühjahrsempfang der SPD Spandau versammelt und hoben das Glas auf den neugewählten Regierenden Bürgermeister Berlins.

Serdar, Dachil (seinen Namen schrieb er damals noch Dakel) und Faris, drei von hundert Bewohner*innen der Gemeinschaftsunterkunft in der Staakenerstraße, und Aymen, Therry, Till und ich, wir lernten uns damals erst gerade kennen - Heimatlose und Beheimatete - näherten uns einander seit vier Wochen an, ertasten inneres Gelände. Der Abend zündete einen Funken und daran dachte wohl jeder von uns auf seine Weise zurück, als unsere Arme wie Kompassnadeln in die Luft staken, blau ummantelt, Wege in alle Richtungen weisend und wir in der Sekundenstille an den Beginn des Projektes zurückkehrten. Nur Faris fehlte, der mit zwölf Jahren seine Kindheit auf dem Meer versenkt hatte und seither, nun zwölf Jahre älter, und immer noch nach ihr suchte. Im Heim nannten sie ihn „Bambino“. Spyderman hatte er zu seinem Alter Ego gemacht und kuschelte sich nachts ins Spinnenetz.

Im Jetzt an der Museumswand, als der eine dem anderen den Pinsel reichte, wiederholte sich eine Geste, deren Berührung der Fingerkuppen, damals sehr groß war und heute selbstverständlich.

Vor dem Portal, zwischen KUNSTASYL-Banner und der Fahne des Museums Europäischer Kulturen, bliesen Serdar und ich unsere Gedanken in die Luft, und hielten Rast- erstaunt verschnaufend, dass wir nach Aufbruch im Industriegebiet in Spandau vor einem Jahr dem Bericht unserer Reise, Einsichten in flüchtige Leben, nun in den Räumen des Museums Europäischer Kulturen Gestalt verliehen.


"Siamo famiglia" - Zitat von Faris, 21.3.2015

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Kittelschürze und Blaumann sind zu Erinnerungsträgern geworden

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Dachil am 21.3. auf dem Frühjahrsempfang der SPD Spandau

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1. öffentlicher Auftritt von KUNSTASYL im März 2015: Faris, Dachil, bc, Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

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Damals vor einem Jahr am Bauwagen

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und heute an der Museumswand

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Faris "Bambino" Spyderman