Prinzip Hoffnung

22.02.2017 Koenige daHEIM

„Noi siamo bene tutti... noi siamo la franca.“

Am 8. Oktober 2016 bestiegen Valbona und Freddie, Brisilda und Denis das Flugzeug von Berlin nach Prishtina. Freddies Vater würde die Familie am Flughafen erwarten und „nachhause“, nach Tirana bringen. Der Asylantrag war als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt worden.

Anderthalb Jahre hatten sie gehofft und gewartet, an manchen Tagen verzweifelt, an anderen ob der empfundenen Ohnmacht wütend. Freddie überspielte die bleierne Zeit im Café. Valbona verließ das Heim selten, immer seltener.
Jetzt, gute vier Monate später, sind sie erneut aufgebrochen. Diesmal ist Frankreich das hoffnungsvolles Land, von dem sie  Bleiberecht einfordern wollen und Verständnis erwarten auf der Suche nach einem Ort, der ihrem Sohn Denis als Autist angemessene medizinische Hilfe gewährt.

Am 21.Februar 2017 übermittelte Freddie per whatsapp die Nachricht: „Noi siamo a Rennes“.

Ich las und verwechselte dabei Rennes mit Reims – hätte letztere doch viel besser ins Königskonzept gepasst. Schließlich hatte Jeanne d'Arc Karl VII. auf seinem Weg zur Krönung nach Reims geleitet. Das war zu Zeiten des 100-jährigen Krieges, also eine Weile her. Die 500 km nordöstlich von Reims liegende Stadt Rennes gehörte damals zum Herzogtum Bretagne und die Jungfrau von Orleans kämpfte gegen die Burgunder und Engländer und nicht gegen die Bretonen. Immerhin sind auch in Rennes nicht nur einige öffentliche Einrichtungen, wie das Lycée Jeanne d'Arc, oder eine Kirche nach der Nationalheldin benannt, sondern gleich ein ganzes Quartier.
Da sind sie jetzt also, Valbona, Freddie, Brisilda und Denis.
Auf welcher Seite würde die Jungfrau von Orleans, die gegen England um den französischen Thron kämpfte, wohl heute stehen? Wäre sie Europäerin oder Nationalistin, würde sie ihre flammenden Reden für La Gauche, die Linke, oder an der Seite Marine Le Pens halten?
Welche Gründe mögen für Valbona und Freddie ausschlaggebend gewesen sein, zu dieser Zeit Asyl in Frankreich zu suchen? So kurz vor einer Wahl, die eine Rechtsextreme zur Präsidentin küren könnte?

Welche Hoffnung bewegte sie?

„Die Liebe

war es, die zwei Prinzen - der eine mit Sitz in Masyaf, im Westen des Gouvernements Hama gelegen, der andere Herrscher von Schmemis, der wiederum im Osten der Provinz auf einem Plateau thronenden Sonnenburg - dazu bewog im Wettstreit einen 150 km langen Kanal durch ausgetrocknetes Land zu graben. Prinzessin Afamia hatte Wasser für ihre Stadt zum Preis ihrer Liebe erkoren.“

Die Geschichte aus dem alten Syrien spielt vor 2000 Jahren. Am Nachmittag desselben 21. Februars erzählt sie Mohamed al Subeh mit Blick auf eine in den dramatischen Farben der 70er Jahre auf die Wand gemalten Skyline, die vielleicht Miami Beach meinen könnte. Die Illusion wird schon durch eine halbe Kopfwendung zerstört, die das Auge durch die Fensterscheibe auf das Rathaus Spandau blicken lässt und ein paar Grad weiter auf das wahre Wahrzeichen, das Hochhaus, welches die Shopping Mall Spandauer Arkaden markiert.

Unsere Unterarme ruhen auf den mit orangefarbenem Kunstleder aufgepolsterten Armlehnen, die dem Mobiliar des Eiscafés Florida im ersten Stock des Pavillons etwas Unverwechselbares, Verblüffendes verleihen: ein aus der Zeit genommener Ort, der auch 2000-jährigen Liebesgeschichten standhält. Es gehört zur Profession Mohameds vergangenen Königreichen nachzuspüren. Er widmete sich als Archäologe im Ma'arra Museum in Idlib der historischen Mosaikkunst, für die das Museum berühmt ist, war.  Auf den Bildern, die er über sein Tablet zieht, sieht man nur staubige Trümmerhaufen. Große Teile der Kulturschätze wurden durch Bombeneinschläge zerstört.

An der Seite des Archäologen sitzt Atef vor seinem Espresso. Der Ort Idlib verbindet die beiden Männer durch ihre Herkunft. Kennengelernt haben sie sich hier in Berlin.
Ihrer beider Königreiche sind unter Bombeneinschlägen zerfallen.

"Den Kanal, durch den das Wasser von Hama nach Afamia fließt", sagt Mohamed, "den gibt es immer noch. Er heißt 'Liebeskanal' ".

Prinzip Hoffnung.

foto Brisilda Cani

Denis und Freddie in Rennes

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Atef