".... nach zwei Jahren Shit, der glücklichste Mensch"

26.12.2015 daHEIM

Vor fast drei Jahren bezog Milad als erster Bewohner überhaupt Zimmer 205 im Heim. Damals war die Unterkunft in der Staakener Straße noch eine Erstaufnahmeeinrichtung und Milad stand unter dem Schock seiner Ankunft in einem Land, welches Deutschland hieß und nicht Kanada. Dahin zu bringen hatten ihm seine Schlepper gegen viel Geld versprochen und ihn dann stehenlassen in Hamburg.

Er war auch der erste, den wir in seinem Zimmer besuchten, um seine Geschichte zu hören. Es schien mir etwas Besonderes zu sein, demjenigen zu zuhören, der als „Heimältester“ am 6.März 2015 bereits seit zwei Jahren in diesem Gebäude „wohnte“. Seine Erzählung machte stumm.

Am 3.4.2015 konnte Milad ausziehen. Sein Verfahren war mit der Anerkennung seiner politischen Verfolgung im Iran abgeschlossen. Er bezog ein Apartment in Spandau-Staaken.

Ich dachte manchmal an ihn, schickte ihm Einladungen zu Veranstaltungen, die unbeantwortet blieben. Es schien mir naheliegend, dass ein Mensch, der während zweier Jahre dem Leben in Ohnmacht ausgeliefert war, diese Erinnerungen zu Gunsten von Gegenwart und Zukunft löschen wollte.

Am 7.12. schickte Milad ein „Hallo“. „Sorry“, schrieb er, „ if I send this email too late but I needed some times to find myself here and make everything right. Now after 7 month my apartment is like apartment ;) “.

Er sprach eine Einladung zum Antrittsbesuch mit Iranischem Lunch aus. Wir besuchten ihn am 20. Dezember.

Auf dem Fensterbrett sitzt wieder die Schildkröte, die schon damals ihren Blick- stets stoisch oder einfach nur lapidar- unentwegt auf den Thoben Turm gerichtete hatte. Ihre Aussicht hat sich verbessert: Licht strömt in den 30 qm großen Wohnraum im 3. Stock eines sechsgeschossigen Gebäudes einer Neubausiedlung.

Er genießt die Ruhe der Stadtrandlage, wenn er von seinen täglichen Exkursionen durch Berlin zurückkehrt. Er kennt die Stadt von Spandau bis Prenzlauer Berg, mag Wittenau und Reinickendorf, die ruhigen Viertel. Inzwischen hat er Sprachlevel B1 erreicht und damit die entscheidende Voraussetzung erworben, um ins Berufsleben einzusteigen. Im Januar beginnt er Praktikum im Bereich Projektmanagement bei der Deutschen Bahn. Es passt zu seinem Berufsbild.

Ob seine Seele sich nun langsam entspannen könne, frage ich ihn. Vor zwei Monaten habe er angefangen, mit seiner Seele zu arbeiten, antwortet er. Jeden Abend um 21 Uhr mache er einen langen Spaziergang. Zehn Kilo Gewicht hat er dabei Schritt für Schritt verloren, seine Haare sind 4cm kürzer.

Einmal hätte er einer Nachbarin aus dem zweiten Stock das Heim gezeigt. Nachts um eins hätten sie davor gestanden. „Haben die Menschen geschlafen?“, frage ich ihn. Er lacht „ Vielleicht die Hälfte“.

Dann sagt er noch, er sei jetzt, nach zwei Jahren Shit, der glücklichste Mensch.

In der Stille klingen die Sätze nach, die Milad vor zwei Jahren am schön gedeckten Tischchen in Zimmer 205 formuliert hatte:

„There are many times I lost my life. I was depressed. There are many times I got up. There are many times we are happy or we were sad. I never forget these two years.“*

Auf der Fensterbank neben der Schildkröte sind die Portaits seiner Familie aufgereiht. Die Trauer darüber, dass er sie auf unbestimmte Zeit nicht sehen kann, bleibt.

 

* Das vollständige Gespräch mit Milad von März 2015 gibt es inOpens internal link in new window Zimmer 205


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Bessere Aussichten: Damals wie heute sitzt die Schildkröte auf dem Fensterbrett

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"A room of one's own"

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Rückblende: Am 3.4. 2015 zog Milad aus

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Milad im April 2013

caveng_KUNSTASYL photo Dachil Sado

zu gast: bc, Aymen

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Milad

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zu gast: Dachil

caveng_KUNSTASYL photo Selbstauslöser

Milad, Dachil, barbara, Aymen