Idomeni

24.03.2016 daHEIM

Über dem Scheitel hebt eine kleine, strenge Bügelfalte ihr Kopftuch an. In weichen Wellen umspielt das Tuch ihr Gesicht. Sie hat eine Frage: Ob es in Europa normal sei, dass man kaputte Kleidung trage?

Die beiden Ärmelenden meiner Winterjacke sind abgeschabt. Sie muss mich sehr genau angeschaut haben, um den kurzflorigen Fransensaum links und rechts an meinen Handgelenken wahrzunehmen. Dass Kleidung bei uns sogar aufwändig präpariert wird um mit gefakten Spuren des Gebrauches als neu und für teuer verkauft zu werden, kann sie nicht glauben. „Bei uns würde man so was niemanden zumuten“. Ich stelle ihr meinerseits eine Fashionfrage: Wie sie es schaffe, dass ihr Kopftuch noch nach zwanzig Tagen Idomeni eine Bügelfalte aufweise?
Ihre weiße Kleidung reflektiert die Farbe der Zeltwände und schimmert zartgrün. Säßen wir nicht mit eingezogenen Köpfen in einem Nyloniglu auf grauen UN-Wolldecken, sondern ständen im eisigen Wind, draußen auf dem scholligen, weitflächig verschlammten Boden, würde man über der Falte ihres Kopftuches eine Hügelkette Mazedoniens sehen. Die Grenze ist 250m von dem Lager entfernt, in dem ungefähr 9000 Menschen ausharren – manche, wie Jotkar mit seiner Familie, seit vier Wochen.

Open the Borders!
Die meisten schreien stumm, vereinzelt verhallt die Forderungen gellend im Nichts. Eine Gruppe Verzweifelter blockiert die Autobahn wenige Meter vor dem Grenzübergang. Drei Menschen haben sich zwischen dem 22. und 24. März in Idomeni und auf der Insel Lesbos selbst verbrannt.

Ersans Fluchtgepäck besteht aus  fünf weißen gebügelten Kopftüchern. Die traditionellen Kleidung jesidischer Frauen trägt sie als lesbarers Zeichen ihrer Identität. In Europa würde sie diese Textilien wohl kaum finden, hätte sie sich gedacht. Auf alles andere konnte sie verzichten.
Strahlend leuchtet das Weiß ihres Kopftuches zwischen orangefarbenen Schwimmwesten: Mit  ihrem Handy hat sie die Überfahrt von der Türkei zur Insel Samos dokumentiert. Zusammen mit den Familien zweier ihrer Söhne und einer Tochter hat sie es in 1,5 Jahren bis an die griechisch-mazedonische Grenze geschafft: Zwölf Personen, das jüngste der sieben Kinder kam auf der Flucht, in der Wüste zwischen dem Irak und Syrien, zur Welt. Sie lächeln.
Die Familie kommt aus Shingal. Sie waren Nachbarn von Dachil, Tür an Tür.
Um zu ihren vier Igluzelte zu gelangen, durchquert man das gesamte Lager. Mit jedem Schritt setzt sich mehr Dreck und Schlamm an den Schuhen fest. Ein Kind ist knöcheltief im Morast versunken und  kann seine Füße nicht mehr anheben. Der Wind treibt Kleidungsstücke und Müll durchs Lager, die Zelte wogen und blähen sich auf, Plastikplanen treiben wie Segel im Wind, auf einer Fahrt, deren Ziel am Horizont sichtbar und dennoch unerreichbar ist. Polizisten blockieren die Eisenbahnschienen. Der Zugverkehr nach Mazedonien ist eingestellt. Europa wird im Schein der Lagerfeuer zur Fatamorgana. Die Menschen, die die Fahrt übers Meer überlebt haben, spiegeln sich vor ihren Zelten im Brackwasser.

„Als sei ich von einem Berg gefallen“

Wer Jotkars provisorische Behausung passiert, ist in Idomeni angekommen. Man tut gut daran, sich auf einem der zwei Plastikstühle seiner kleinen Veranda auszuruhen, bevor man sich ins Innere des Lagers tastet und dabei jede Vorstellung verliert.
Seine jüngste Tochter Pelinar ist zweieinhalb Jahre alt und ihre Locken könnten schöner nicht sein. Auch um das Gesicht ihrer fünfjährigen Schwester Britan ringeln sich Engelslocken. Ihr Vater hat das Überleben gelernt. Er kämpfte fünf Jahre an der Seite der Gerilla im Irakischen Zagros Gebirge, wurde 2004 von der Asayish, den Sicherheitskräften der kurdischen PDK, in Deralok gekidnappt und überlebte anderthalb Jahre Gefängnis. Seiner Familie galt er für zwei Jahre als verschollen. Die Kurdischen Kämpfer brachten den Syrer über die Grenze. Gegen Zahlung von Lösegeld ließen kam er von Assads Sicherheitsleuten frei. Sie hatten ihn unmittelbar nach Grenzübertritt verhaftet. An der Seite der YPG, dem bewaffneten Flügel der Syrisch-Demokratischen Volksverteidigungseinheit (PYD) war er Frontkämpfer gegen ISIS. Dann verlor er alles. Hab und Gut und drei seiner engsten Familienangehörigen. Er floh mit seiner Familie.*
Keine der Behausungen im Lager ist stabiler gebaut als seine. Über Nacht hat er es um zehn Meter versetzt. Wenn es regnet, säuft das Lager ab. Das Zelt hat er auf Europaletten gesetzt, Plastikplanen umspannen eine Konstruktion aus Bohlen und bilden eine zusätzliche schützende Hülle gegen Regen und Wind.
Der Frontkämpfer bildet mit seiner Familie die Vorhut für die Tausenden von Ungewollten.
Sein Blick aus dem Zelt richtet sich ins griechische Landesinnere, der Grenze abgewandt.
„Es ist“, sagt er, „als würde man in der Kälte sitzen und man wartet auf Wärme.
Aber sie kommt nicht.“


Vor dem Archäologischen Museum in Thessaloniki steht eine Figur. Sie verkörpert in Stein gehauen die Bedeutung des Wortes INUKSUK. “INUKSUK“, erklärt eine Inschrift den Begriff: „is an inuit word meaning `to act in the capacity of a human`“.

Für Idomeni gilt es nicht.

 

* Eigene Angaben von Jotkar

 

 

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Idomeni - Tausende Menschen hoffen auf die Wiederöffnung der griechisch-Mazedonischen Grenze.

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Das Meer haben sie überlebt. Jetzt verharren sie zwischen Pfützen auf schlammigem Grund.

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Auf der Strasse, die nicht ans Ziel führt.

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Vier Personen teilen sich im Schnitt ein Igluzelt.

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Die jesidische Famile ist seit 1,5 Jahren auf der Flucht. Alan wurde in der Wüste geboren. Er sitzt auf den Knien seines Onkels Kalaf, daneben kauert seine Mutter Katun.

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Ersan

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Demonstration im Lager am 24. März 2016. Stellt sich die Frage, wie die postulierten Sätze und Forderungen auf die Pappe kamen.

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Selbst wenn die Worte und Sätze nicht authentisch sind, so sind es die Haltung und die Verzweiflung der Demonstrierenden.

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Hunderte sind vor den Zuständen auf offenem Feld auf die Parkplätze der umliegenden Tankstellen ausgewichen.

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Eine Familie aus Afrin bei Aleppo.

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Ihr Haus in Aleppo ist zerstört, nur das Kopftuch ist ihr geblieben. Die zwanzigjährige Rima ist mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern geflohen. Ragnan, neben ihr mit ihrem Baby auf dem Schoss, hat in Aleppo Französisch studiert.

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Das Foto zeigt sie als Braut. Sie war fünfzehn bei ihrer Hochzeit. Das Frauen in Europa anders leben, als sie, wissen die Frauen, die auf dem Zeltboden sitzen. "Wir werden davon lernen", sagen sie.

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Sie standen als eine der Ersten vor der geschlossenen Grenze: Jotkar, Fadia, Britan und Pelen. Seit 31 Tagen harren sie in Idomeni aus.

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Jotkar zeichnet ein Map des Kriegsgebietes zwischen Syrien, Irak, der Türkei und dem Iran auf seine Handfläche.

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Das Zelt der syrische Familie: Links neben ihrem Vater Jotkar, die fünfjährige Britan. Rechts ihre Schwester Pelen.

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Vorhut

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Ein Junge schaukelt. Die Seile sind aus Kleidungsstücken geflochten.

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Blockade der Autobahn kurz vor dem Grenzübergang nach Mazedonien.

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„Es ist, als würde man in der Kälte sitzen und man wartet auf Wärme. Aber sie kommt nicht.“