„Ich werde nie wieder die gleiche Person sein, die ich einmal war“

24.06.2016 daHEIM

Sie hat monatelang ihren Schmerz ausgekotzt, hing über der Kloschüssel bis sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Ärzte bemühten sich sehr und konnten trotzdem nichts finden.

Trauer drückte ihr die Lider zu. Ihr Kopf lag auf tränennassem Kissen. Kein Tageslicht drang zu ihr durch. Wer versuchte, ihr nahezukommen, den hielt sie auf Abstand. „Ich war glücklich“, schreibt sie in ihrer Biographie über das verlorene Leben. „Ich hasse Berlin“, sagte sie noch im Frühjahr.

Nur wenn sie mit der Mutter telefonierte, täuschte sie Wohlbefinden und Zuversicht vor. An ihrer Hand trägt sie deren goldenen Ring.

Kam sie von einem der seltenen Wochenendbesuche bei ihrem Verlobten aus Köln zurück, verdunkelte das Gefühl der Einsamkeit ihre Tage. Sie fing an zu malen, zu zeichnen.

Schreiben, um nicht zu sterben … oder vielleicht auch Sprechen, um nicht zu sterben…“1 - die Autorin Anna Seghers spricht für die vielen, die versuchten die Schrecknisse ihres Schicksals und dessen zerstörerische Kraft mit Wort und Bild zu bannen. Auch Ina fing an zu schreiben, in den kalten Wintermonaten stand sie mit Pinsel und Palette in der ungeheizten Kunst-Kathedrale daHEIM, seit dem Frühjahr schreibt sie ihre Geschichte in den Sonderausstellungsräumen des Museums Europäischer Kulturen fort.

Am 19. April händigte ihr die Postbeamtin in der Filiale einer Neuköllner Shopping Mall ein Einschreiben des Bundesamtes für Migration aus. Mit nur einem Satz hatten die deutschen Behörden über ihre nahe Zukunft entschieden. Paragraph § 3 des Asylgesetz (AsylG) fand Anwendung: Deutschland gewährt ihr Schutz und Bleiberecht aus begründeter Furcht vor Verfolgung auf Grund ihrer jesidischen Religionszugehörigkeit.

Die, die den Brief in der Hand hielt und lächelte, sah sich bereits als eine andere: „Ich werde nie wieder die gleiche Person sein, die ich einmal war“.

Am 21.6.2016 erhielt Ina nach 11 Monaten und 8 Tagen den Blauen Pass.

Sie verlässt morgen Berlin, um gemeinsam mit ihrem Verlobten in Köln zu leben und ihr im Irak begonnenes Studium der Biologie wiederaufzunehmen. Ihre Träume sind nicht mehr nur Angst und Schrecken, sondern ein wiederentdecktes Spiel mit Möglichkeiten: Vielleicht wird sie auch Musikerin.

Die nächste Gelegenheit Ina als solche zu erleben ist an der Eröffnung von „daHEIM:Einsichten in flüchtige Leben“ im Museum Europäischer Kulturen Berlin. Dann spielt sie noch einmal unter Leitung von Aymen Montasser das 1. Wasserglas in der "Ode an die Freude".


1 Textauszug aus "Das Argonautenschiff", 10. 2001. Eine Reihe der A.S. Gesellschaft


 

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Ina trägt den Blauen Pass auf ihrem Kleid.

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Gouache von Ina Sado

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Im Spiegel

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Sie hat eine neue Sprache gefunden.

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Die Frauenportaits des italienischen Malers Modigliani inspirierten sie.

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Schlafwandlerisch

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Die eine lächelt, die andere weint.

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Scheidewege: Ina Sado schreibt ihren Weg den Museumswänden ein.

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Sechteiliger Zyklus der Geschichte von Mrs.Shingal

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Am 19.4.2016 wurde Inas Asylantrag nach §3 offiziell anerkannt.

KUNSTASYL photo Joachim Gern

Der Mutter verbunden.

KUNSTASYL photo Ina Sado

Ina spendet ihrer Mutter Majan Trost. Am 3. August 2014 wurde erneut ein Massaker an den Jesiden in Shingal verübt. Tausende starben, hundertausende flohen.

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Probe zu "Ode an die Freude": Der vierte Satz aus Beethovens 9. Symphonie, wurde 1972 vom Europarat als musikalischer Ausdruck der „europäischen Werte Freiheit, Frieden und Solidarität“ zur Europahymne erklärt. Unter Leitung von Aymen Montasser widmen Berket Kibrom, Dewaly Haskani, Dachil Sado, Ina Sado und Said Sabagh ihre Klanginterpretation der Hymne auf mit Meerwasser gefüllten Gläsern all jenen, die auf der Suche nach einem Zufluchtsort, nach Europa aufgebrochen sind.

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Zwei Frauen anfang zwanzig: Die eine darf bleiben, die andere muss Deutschland verlassen.

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Spielt das 1.Wasserglas: Ina Sado mit ihren Kollegen Bereket Kibrom und Said Sabagh

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Probe auf schwankendem Grund. Im Hintergrund widmet Yassir seine Wandzeichnung all jenen, deren Leben durch Isis hochgefährdet ist.

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Nur noch auf der Bettkante: Ina zieht am 25.6.2016 nach Köln um.

KUNSTASYL photo Ute Franz

Uraufführung der Ode an die Freude am 21.6.2016 anläßlich der Fete de la Musique im Museum Europäischer Kulturen

KUNSTASYL photo Ute Franz

KUNSTASYL in concert

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