Garten der Träume

23.05.2016 daHEIM HEIMart

Für Mariam ist die ihr vertraute Welt unbewohnbar geworden. Die 7-jährige hat ihre Mutter durch einen Bombenanschlag in Bagdad verloren. Seit Donnerstag blüht im Garten des Museums europäischer Kulturen in einem buntgemusterten Rucksack ein kleiner Mandarinenbaum.

Mariam hat die Frucht gewählt, welche in der chinesischen Kultur als Symbol für die Sonne und das Glück steht. An dem buntgemusterten Rucksack, der ihre Pflanze beherbergt, hängt ein Etikett, auf dem sie ihren Traum notiert hat. Sie möchte Ärztin werden. Sie, die soviel Leid erfahren hat, möchte heilen - den Schmerz der anderen und vielleicht auch ihren eigenen.

„Der Schuttabladeplatz Meer, die mit Stacheldrahtverhauen überzogenen Küsten, die gepellte Erde, die Massengräbererde, die Leichenhaufen, die verschlammten Flüsse, die übelriechenden Städte" - drastisch beschreibt der französische Schriftsteller Georges Perec den uns umgebenden, unbewohnbaren Raum. Er beschreibt die Linien, die diese Räume abgrenzen: „Millionen Menschen sind wegen dieser Linien gestorben. Tausende von Menschen sind gestorben, weil es ihnen nicht gelungen ist, sie zu überschreiten“. Perec schrieb das 1974 in seinem Essays Träume von Räumen. Daran hat sich nichts geändert. Nur dass das Meer heute nicht mehr nur Schuttabladeplatz ist, sondern auch Massengrab.

Yassir, Amer, Ali, Mawlud, Sherin, Inam, Mohammad, Ali und Assil, Tasnim, Said, Diwali, Mohammad H., Yassin - sie und alle anderen, die an diesem Donnerstag im Museumsgarten pflanzen, haben die Erfahrungen des Verlustes von Raum und tödlichen Grenze in den letzten drei Jahren gemacht.

Die Saat ihrer Pflanzen haben sie in Koffer und Reisetaschen verstreut. Die Blüten ihrer Blumen ragen aus Tüten, Taschen Rucksäcken. Ihren Träume haben sie auf dem Beipackzettel niedergeschrieben. Noch steht er auf einem Stück Papier, noch fehlt der Raum, ihn zu leben. Die, die pflanzen, sind noch nicht angekommen.

„Deutschland ist ein schönes Land. Ich möchte hier bleiben, dass ich mein Leben erfolgreich weiterführe. Ich möchte hier arbeiten.“, der Syrer Yassin steht noch im Wartesaal der neue Heimat, Marsildas Traum, für den ihre Rose blüht und von der Schönheit des Mädchens spricht, welches Model werden möchte, hat sich nicht erfüllt. Ihre Familie musste Deutschland verlassen. Mohammed Ahlkatib wünscht sich eine Wohnung für sich und seine Familie am Herrmannplatz.

Friedlich und sehr schön, sei dieser Garten, beschrieb eine flanierende Museumsbesucherin den Ort. Er hätte sie aber auch an eine Friedhof erinnert. Die Erde, aus denen Blüte tragende Pflanzen herausragen, ist getränkt von schmerzhafter Erinnerung. „Zurückkehren nach Palästina und da in Frieden leben“, möchte Amer. Auch Schmerz braucht seinen Raum.

DaHEIM in Spandau kann man auf einem der massiven Balken eines Dreibeins, auf dem die KUNSTASYLflagge flattert, eingebrannt in vier Sprachen lesen „Utopia Garten“. Ein kleines Stück Raum hinter einem Zaun wurde benannt und zum gedanklichen Freiraum erklärt.

Räume kann man erfinden. Auch Räume für Träume.

"Leben", schrieb Perec,"Leben heißt, von einem Raum zum anderen gehen und dabei so weit wie möglich zu versuchen, sich nicht zu stoßen."

Aber manchen tut das Leben sehr weh.


Zitate aus: Georges Perec: Träume von Räumen. Berlin 2013

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Von einem Raum zum anderen gehen - Garten der Träume im Museum Europäischer Kulturen Berlin. Die beflanzten Schuhe symbolisieren Christians Traum, von einer Welt in der die Menschen sich als Menschen begegnen.

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Mariams Mandarinen Baum - die Frucht gilt in der chinesischen Kultur als Symbol der Sonne und des Glückes

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Reisegepäck

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Suche nach der passenden Tasche für die Wunschpflanze. Vorne rechts: Die Kustodin des Museums Europäischer Kulturen, Dagmar Neuland-Kitzerow

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Links im Vordergrund Andrea Ferchland, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Staatlichen Museen. Sie hat den Wunschzettel mit Pflanzen- und Blumenwünschen von über 40 Menschen von Gartencenter zu Gartencenter abgearbeitet.

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Mawlud und Sherin mit Margeriten. Die Blume ist ihnen vertaut.

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Aymen überreicht die gewünschten Pflanzen gemäß Liste. Mohammad und Iman haben sich Jasmin und eine Damaskus Rose gewünscht. Die schwere und stark duftende Rosa Centifolia ist in Berlin im Handel nicht erhältlich.

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Aufblühende Träume

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Mohammad Hassan mit seinem Blütentraum

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"Eine blonde Deutsche Frau zu heiraten", davon träumt er, der in Yarmuk, einem Palästinenser Camp in Damaskus lebte bis zu seiner Flucht.

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Yassin, Mohammad und Ez Aldin: Drei Männer haben einen Traum.

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Der Syrer Yassin möchte bleiben: "Deutschland ist ein schönes Land. Ich möchte hier bleiben, dass ich mein Leben erfolgreich weiterführe. Ich möchte hier arbeiten."

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Mustafa, Yassin, Rami, Said, El Azid und Amer - Viele Räume haben sie durchschritten, den ihren noch nicht gefunden.

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Rami, Mohammad und Amer

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Amer - seine Blume sollte rot sein.

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Er träumt davon, den verlorenen Raum wiederzugewinnen: "Zurückkehren nach Palästina und da in Frieden leben."

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Mohammad, Dachil, Iman, Mawlud, und sitzend: eine gartenkundige Museumsmitarbeiterin.

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Assil träumt davon Eliza, die Schwester Spidermans zu sein

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Ihr Bruder Ali ist in seinem Traum natürlich Spiderman

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Blühende Repräsentanten der Träume der Syrischen Familie Alkhatib: Mohammad träumt von einer Wohnung für seine Familie in Berlin. Traumlage: Herrmannplatz

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Iman hofft auf Frieden. Sie möchte zurück in das verlorene Land.

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Iman, Mohammad, Ali und Assil

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Spidermans und Elizas Blumenträume

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Mawlud und Sherin

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Beide wünschen sich Frieden für die Welt. Mawluds Traum Busfahrer in Berlin zu werden, ist in Erfüllung: Im September beginnt er seine Ausbildung in einem Berliner Busbetrieb.

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Sehnsucht nach "Weltfrieden"

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Der aus Aleppo stammende Syrer Atef und seine weiße Rose.

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Reist mit kleinem Gepäck: Elisabeth Tietmeyer, Direktorin des Museums Europäischer Kulturen Berlin

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Dagmar Neuland-Kitzerow, Kustodin des Museums und die Kuratorin Beate Wild

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Said und Rami - schwere Träume im Gepäck

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"Ich hoffe, dass das Ende des Krieges in meinem Land und das Blutvergießen unschuldiger Menschen zu stoppen und jeder lebt in Frieden", ist Ramis Traum.

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Das Kriegsende erträumt sich Said

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"Ich wünsche mir mehr Toleranz auf dieser Welt und dass die Menschen das Verständnis und Mitgefühl füreinander nicht verlieren!!!",

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Alina Hellwig, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums kennt Flucht aus der eigenen Familiengeschichte. Sie selbst wurde in Semiosjornoje, Kasachstan geboren.

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Bereket befestigt seinen niedergeschriebenen Traum an seiner orangefarbenen Blume: Er möchte seine Eltern wiedersehn. Wie sein Bruder leben sie nach der Flucht aus Eritrea in Khartum. Bereket träumt von einer Heirat und einer Familie mit fünf Kindern.

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Ein großer Traum, ein kleiner Baum

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"My dream is to take a Residence Permission in Germany. I want to live here. To work here and to begin a new life. Albania is my love. I will never forget it. But I can't accept what it offers to me." Serxhio ist 16 Jahre alt und stammt aus dem albanischen Vlorë.

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Laura, seine 18jährige Schwester, hat den Traum Ärztin zu werden.

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Lauras Traum

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Pranvera mit roter Rose. Die wichtigsten Werte im Leben siedelt die Mutter von Serxhio und Laura jenseits materieller Güte an.

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Tasnim mit einer Gladiole: Auch sie, aus Latakia nach Berlin gekommen, möchte Ärztin werden.

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Dachil schreibt Träume nieder

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Der rote Mohn hat eine hohe symbolische Bedeutung in seiner, der jesidischen Kultur.

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Von Chancengleichheit träumt Marius aus Wolfsburg.

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"A truely hyperdivers European Normality" lässt Léontine Meijer-van Mensch, stellvertretende Direktorin des MEK, aus der Tüte wachsen.

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Nur einer glaubt nicht ans Träumen...

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"Actually I don't believe dreams or I think that I'm tired of keep dreaming. Like waiting someone to bring those things that you are dreaming about. In my opinion should do it or keep calm. Don't think far away. Use your mind and your energy for things possible. Life goes on. The war will never stop. Hope the best for all."

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Diwali aus Snony, Shingal ist zwar traumlos, aber trotzdem ein Flaneur.

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Die Direktorin des MEK's, Elisabeth Tietmeyer hat einen Traum: ... Dass unser Museum offen für alle Menschen ist"

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"Leben", schrieb der französische Schriftsteller Georges Perec,"Leben heißt, von einem Raum zum anderen gehen und dabei so weit wie möglich zu versuchen, sich nicht zu stoßen."