Für Melisa und Zineta

18.04.2016 daHEIM

"Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!" *

„Melisa“ - Lippen formen die Silben ihres Namens, flüstern, wispern, sprechen ihn aus. Ihr Echo hallt nach. „Melisa“ - der Name schwebt wie eine Seifenblase durch die Flure des Heimes – der Traum von einem guten Leben ist am Donnerstagmorgen um 8 Uhr zerplatzt.

Am Oberarm gepackt und abgeschoben: Das 9-jährige Mädchen Melisa und ihre Großmutter Zineta wurden an den Ursprung ihres Schmerzes zurückgeworfen. Sie sind jetzt wieder in Zinetas Haus in Tuszla.

Doch ist dieses Haus ist kein hûs1 – denn wäre es das, hätte es ein Dach und eine Türe und der Wind könnte nicht durch die Löcher in der Wand pfeifen - die Sonne würde sich in den Fensterscheiben spiegeln und bei Wolkenbruch perlten Regentropfen über das Glas. Man könnte abends die Gardinen vor den Fenstern ziehen.

Aber an guten Schlaf ist nicht zu denken.

„Melisa“, Bashkim bewegt den Kopf, ungläubig verneinend. „Melisa“, Serdar schüttelt den seinen in Unverständnis, „Melisa!“, Kumrjie weint und weint und kann nicht aufhören.

Melisas Name hat seit dem 14. April einen dramatischen Klang; er steht für Leid, Verzweiflung, Hilflosigkeit , Schrecken und Angst. Er ist zur Anklage derjenigen geworden, die den Lebensbedingungen der süd-osteuropäischen Länder zu entfliehen versuchten und die wissen, dass ihnen das gleiche bevorsteht, was am Donnerstagmorgen Melisa und Zineta geschah: die „Rückführung“ in die sogenannt „sicheren Drittstaaten“.

Melisa und Zineta haben drei Jahre im Heim gelebt, sich ein Zimmer und manchmal auch das Bett geteilt.

“MELISA“ , schrie die Mutter, als ihre Tochter von ihr getrennt wurde.

Zineta hatte längst schon die Vormundschaft für Melisa übernommen. Die gegenwärtige Situation der Mutter ließ keine Zukunft für das Mädchen zu. Drei Jahre hat Melisa eine Spandauer Grundschule besucht. An diesem Morgen um kurz nach acht wurde sie von Polizeibeamten aus der Schule gerissen, denn in Zimmer 108 hatten die exekutiven Kräfte sie nicht angetroffen, als sie kamen um ihres Amtes zu walten.

„Melisa“ - Auch Petra von gegenüber, Bäckereifachverkäuferin bei Thoben, hat um Zineta und Melisa und die verletze Würde der beiden geweint. So hat sie es Aymen erzählt und ihre Schilderungen des massiven Polizeiaufgebotes, der Vielzahl an Beamten, die ins Heim drangen, deckt sich mit den Darstellungen derjenigen, die auf den Fluren zuschauen mussten.

Zineta ist eine bosnische Roma. Ihre Familie ist groß. Den vielen Enkelkindern, die ihr ihre Töchter geboren haben, versuchte sie auf 14qm Provisorium ein Zuhause und etwas Geborgenheit zu geben. Die „honigsüße“ unter ihnen, Melisa, hat gekämpft, furchtlos gegen ihre Umgebung. Sie konnte jeden verbal und physisch in die Flucht schlagen. Sie hat draufgehauen, zum Schluss in einem Boxsportverein.

Melisa hat ins tiefste Innerste ihres Gegenübers geschaut. Sie hat vieles erlitten, was sie nicht ertragen konnte.

Zineta übte sich in dem, was man „ein geordnetes Leben in Deutschland" nennt. Sie ist diesem Leben hinterhergerannt, von Amt zu Amt, von Anwalt zu Anwalt. Sie hat es nicht geschafft.

„Melisa“ - Fahrije neigt den Kopf zur Schulter.

Um dieses Mädchen, dessen Abschiebung an diesem Morgen jedes illusionistische Gedankengebäude zum Einsturz bringt, weinen alle – Melisa löste den Weltschmerz aus.

Mit drei Fahrzeugen war die Polizei angerückt. Zum Entsetzen aller, waren die Plätze eines dieser Busse von Erwachsene und Kindern besetzt, die bereits vor Zineta und Melisa in ihren Wartesälen auf ein besseres Leben zur Abschiebung eingesammelt worden waren.

„Lasst alle Hoffnung fahren!“.

Die Würde des Menschen ist antastbar.

*"Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!" - Die Göttliche Komödie, Inferno III, 9 (Das Höllentor).
1 de.wikipedia.org/wiki/Haus

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Melisa im Mai 2015

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Zineta und Melisa

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Zineta - Zwischen den Stühlen.

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Melisa - Romantik vor roher Fassade

caveng_KUNSTASYL photo Joachim Gern

Zineta, Petra und Melisa. Die drei Damen hatten sich über die Jahre angefreundet. Melisa war täglicher Gast bei Petra an der Kuchentheke.

caveng_KUNSTASYL photo Omer Murati

Melisa zeigt Flagge! Auf dem Weg zur Auftaktveranstaltung im Museum Europäischer Kulturen in Berlin im März diesen Jahres.