facebook oder Thagrid lernt Deutsch

05.08.2016 daHEIM

einkaufen, abwaschen, aufräumen.

 

Ich kaufe ein. Er wäscht ab. Sie räumen auf.
Zusammengesetze Verben mit betontem Präfix. Amüsiert lässt Thagrid die Vorsilben ans Ende des Satzes wandern. Ein leichtes Spiel. Ihr Sprechgesang deutscher Grammatik untermalt das routinierte Stopfen eines Wochenvorrates an Zigaretten. Ihr Neffe Mohammad konjugiert sein und haben rauf und runter, vor und rückwärts. Er lernt mit einem Online-Sprachkurs auf seinem Tablet.

"Warum sprichst du so schlecht deutsch?“, fragt Bereket jeden, der länger als sechs Monate in Deutschland lebt und noch keine korrekten Sätze nach dem Muster Subjekt + Prädikat+ Akk.Objekt bilden kann. „Warum du so schlecht blabla?“, muss sich der Angesprochene in Heimdeutsch kritisieren lassen.

Als Diwali in Berlin einer jungen Frau begegnete und Liebe auf den ersten Blick die beiden zum Paar machte, verlor Bereket die Fassung. Mit Kopfstimme zirpte er in die Runde: „Wer? Diwali? Das geht nicht! Wie kann er „Ich-liebe-dich“ ohne blabla?".

So hat er es in den zurückliegenden anderthalb Jahren erfahren: Ohne Sprache lassen sich kaum Beziehungen herstellen. Berekets Erkenntnis führt zum Philosophen Wittgenstein und um die Sache blabla-mässig nicht allzu kompliziert zu gestalten, sei der Oesterreichische Autor Peter Rosei zitiert, der einen Gedanken Wittgensteins in eigenen Worten - „furchtbar vereinfacht“- wiedergibt:

„Mühe dich, dein Werkzeug genau zu kennen, denn es ist der einzige Behelf, mit dem du der Welt gegenübertrittst – was das Denken angeht, ist dies Werkzeug die Sprache. Sei dir klar, dass dein Werkzeug nicht allzuweit reicht, dort verläuft die Grenze der Welt; das andere geschieht.“1

"Was ist denn das hier für ein Kacke ?
Für was viel Erfolg ?
Ich kann nur hier erkennen, das der ein sehr dummer Mensch ist. Was hat der sich denn gedacht, wenn er in Europa ist, das es hier nur Flüchtlinge rum rennen"2

Sätze in Schieflage - orthographisch und grammatikalisch fehlerhaft; in grobe Wortbrocken finden Gedankenfetzen Ausdruck. Bedauerlicherweise ist der facebook - Eintrag auf der Seite des Museums Europäischer Kulturen kein Lehrbeispiel zur das ( Artikel) / dass – Problematik (Konjuktion), sondern ein Kacke, als übelriechendes Kommentarhäufchen unter dem Foto von Ez Aldin plaziert. Aber facebook ist ja auch nicht gerade als Kompendium der zeitgenössischer Poesie bekannt, sondern eben gesichtsbuch, wenn auch mit verschwommen Zügen und entliehenem Ausdruck.
Wortfürze werden bei Wolfsgeheul signiert von eisenhardten Germanen. Mit heruntergelassenem Visier attackieren sie bloße Gesichter. Die Profilbilder der Angreifer sind ein bunter Reigen an Sammelbildchen zum Einkleben: putzige Tierbilder aus dem Streichelzoo, Meeres- oder Seelandschaften mit schnatternden Schwänen und weiteren possierlichen Wasservögeln. Und dann die Abteilung heroisch: Schlachtenbilder, Soldatenromantik und Feldherrengestus: Einer ist unter die Toga Cäsers gekrochen, hält sich an dessen Rockzipfel fest und träumt von Veni-Vidi-Vici.

Als Referenz nennen sie die „Schule des Lebens“. Aber offensichtlich führt diese Laufbahn ins Abseits, anstatt zu höherem Bewusstsein.

Keine Lust auf ein Foto, hat die Autorin von "Was ist denn das hier für ein Kacke ?" Die schwarzen Fläche ließ solches schon vermuten. Das Profilbild ist weder radikal, noch dient es als Verweis auf die künstlerische Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist eher so was wie ein unterbelichtetes Negativ. Vielleicht ist es auch ein Icon für geistigen Stromausfall.

Im Comic steht so ein kleines, schwarz ausgefülltes Feld immer für Nacht. Das versteht jeder. Im nächsten Bild erscheint entweder der Lichtkegel einer Taschenlampe oder eine Sprechblase mit hintereinander gereihten Zzzzzzzzzz. Ersteres verrät den Einbrecher, letzteres bedeutet, dass die Helden schlafen.
Das wäre doch schön gewesen, die Verfasserin hätte einfach das Licht ausgemacht und sich zu Bett begeben. Am Besten mit einer dicken Schicht Entspannungsmaske auf der müden Haut, dann kann Frau am anderen Tag auch wieder Gesicht zeigen. Ein Albtraum allerdings, dass sie bei Vollmond im Reigen mit den Gesinnungsgenossen Stonhenge umkreiselt und den Germanen huldigt.

Was ist mit ihr? Ist sie eine Anhängerin schwarzer Magie? Esoterikerin? Dem Guten oder dem Bösen zugewandt? Feiert sie schwarze Messe und betet den Satan an oder mag sie Massage und Duftkerzen?

Ihr Fotoalbum vereint den Weltuntergang mit Urlaubsbildern ihrer Kinder, Zebra, Zoo und Katze. Mehr Apokalypse als Arche Noah. Auf einem Bild sitzen die Kinder bei trübem Licht in öder Landschaft und suchen den Silberstreif am Horizont. Verlassene Landschaften des Ostens tauchen in Gedanken auf, Erinnerung an die Hetze gegen Asylsuchende im mittelsächsischen Dorf Clausnitz - aber nein, die Autorin wohnt in Kreuzberg.

„Einem Gast gegenüber gewalttätig zu werden, gilt als Frevel; wer aus irgendeinem Grund zu ihnen [den Germanen] kommt, den schützen sie vor Unrecht und behandeln ihn wie einen Unverletzlichen; ihm stehen die Häuser aller offen, und er hat Teil an ihrem Leben.“

Die Beschreibung stammt von Gaius Julius Caesar.

Veni, vidi, vici

Ich bin, du bist, er/ sie/ es ist - Welcome!

 

 

1http://www.zeit.de/1983/15/tractatus-logico-philosophicus/seite-2
2 https://www.facebook.com/museumeuropaeischerkulturen/?fref=ts

KUNSTASYL photo caveng

Thagrid lernt Deutsch