Die einen müssen gehen, die anderen dürfen - Ila ellikaa, Serdar!

11.05.2016 daHEIM

Wie er so aus dem Gebäude tritt mit einer silbernen Thermoskanne unterm Arm und zwei kleinen geschwungenen Teegläsern in der Hand, die Pfeife gemütlich im Mundwinkel wippend, kann man ihn leicht gedanklich zurückversetzen in seine Stadt, bevor sie in Trümmer fiel.

Wie er sich niederlässt auf dem Behelfssitz neben der von Mitbewohnern bereits besetzen Bank, das dunkelblau-weiß karierte Hemd wie immer sorgfältig gebügelt – ist es kühl, trägt er einen farblich abgestimmten Pullunder darüber - wie er Wasser in die mit Nescafé gefüllten Gläser gießt, reicht schon ein leichtes Zusammenkneifen der Augen, um das grüne Laub des Baumes hinter seinem Rücken in Palmblätter zu verwandeln um ihn seinen Feierabendkaffee auf der Terrasse seines weißgetünchten Hauses genießen zu lassen.

Seine Eleganz hat er sich bewahrt. Ehemals verantwortlich für die Finanzen der Sadt Aleppo sitzt Atef jetzt auf einem aus Paletten gezimmerten Sitz vor dem Eingang des Heimes in der Staakener Straße an der Grenze zum Industriegebiet von Spandau.

Sechs Pfeifen hat er in seinem Reisegepäck mitgebracht. Die Schatulle, in der er sie aufbewahrt ist zur Betrachtung geöffnet. Das Kästchen steht auf der Fensterbank von Zimmer 107.

„Ich habe das Gefühl, viel Wissen verloren zu haben“, antwortete Serdar auf die Frage, wie ihn die achtzehn Monate im Heim verändert haben. Sein Bruder Kadar sitzt auf der Bettkante und gleich werden sie zusammen die Gepäckstücke zum Auto tragen. Der Umzug ist überschaubar, allzu viel gibt es nicht mitzunehmen.

Die Zeit des Wartens ist vorbei. Der Reiseplan seiner Familie erscheint auf dem Handy-Display . Am 6. Mai werden seine Frau und seine drei Kinder um 7.05 mit einer Maschine aus Beirut in Dortmund landen.

Serdar hat viele Tage damit verbracht auf die Nacht zu warten. Ein Video dokumentiert die zahllosen Anrufversuche auf der Deutschen Botschaft in Beirut. Keiner dieser Anrufe erreichte je seinen Empfänger.

In den Monaten der Ungewissheit über die Zukunft seiner Angehörigen wurden Gesetze zum Familiennachzug geändert. Er verlor den Glauben. Das Warten hat ihn gelähmt. Noch einen Monat länger, sagt er, und ich wäre zurückgegangen. Viber, Whatsapp, Facebook, Skype ersetzten die Bücher und Autoren, die ihm vor der Flucht so wichtig waren: Hegel, Marx, Engels, Feuerbach.

Sein Bruder Kadar ist aus den Niederlanden gekommen um Serdar nach Dortmund zu fahren. Der um ein paar Jahre Jüngere lebt seit fünfzehn Jahren in Holland. Serdars Familie aus Kamishli wird nun gemeinsam versuchen im Ruhrpott heimisch zu werden.

Als Serdar am 22. April erfuhr, dass der Familie das Visum erteilt wurde, umarmte er die Welt und wollte gehen, gehen sofort. Er blieb, um sein Werk im Museum zu vollenden. Nur sein eigenes Blut, welches er als Malmittel benutzen wollte, konnte er nicht mehr spenden.

In seine Gedanken und in seinen Grundsätzen, sagt er, habe er sich nicht verändert.

Jetzt, wo wir uns nach achtzehn Monaten gemeinsamer Zeit verabschieden, fühle er sich wie Grashalm, der ausgerissen wird. Er mochte Berlin. Serdar war KUNSTASYL .

Denn die Tapferkeit gegen das Meer muss zugleich List sein, da sie es mit dem Listigen, dem unsichersten und lügenhaftesten Element, zu tun hat. Diese unendliche Fläche ist absolut weich, denn sie widersteht keinem Drucke, selbst dem Hauche nicht; sie sieht unendlich unschuldig, nachgebend, freundlich und anschmiegend aus, und gerade diese Nachgiebigkeit ist es, die das Meer in das gefahrvollste und gewaltigste Element verkehrt.“

Das Zitat aus Hegels Vorlesung zur Philosophie der Geschichte ist auf einer Plastikplane gedruckt im Foyer des Museums Europäischer Kulturen zu lesen. Serdar hat es fotografiert. Seine Ansprüche kehren wieder: Er will den Hegel auf Deutsch lesen. Dann ist er angekommen.

Atef hat nach Serdar Zimmer 107 bezogen.


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Gezeichnet: Serdar vor einem Ausschnitt seines Werkes im Museum Europäischer Kulturen.

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Zwischen Hoffnung und Verzweiflung hat Serdar 18 Monate um seine Familie gebangt.

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Assimiliert

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Sein Bruder Kadar bringt ihn nach Dortmund. Serdar wird mit seiner Familie im Ruhrpott leben.

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Atef, der nach Serdar Zimmer 107 bezogen hat.

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Wiedersehn nach eineinhalb Jahren Trennung: Serdar mit seiner Frau und seinen Kindern Aram, Ara und Kadar. Den anderhalbjährigen Sohn sieht er zum ersten Mal.

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Aram, Serdar und Ara