Das weiße Papier

16.10.2015 daHEIM

Wir sitzen auf den Bettkanten in Raum 212. Das Haziri-Zimmer.

"Da wohnt jetzt auch eine Albanerer Familie", würde Latif mit seiner über Silben galoppierenden Sprache kommentieren. Vor einer Woche haben Shkandije, Selma, Omer, Osman und Jasin den Raum bezogen.

Die dritte Familie im Heim, die sich von Tirana aus auf den Weg nach Deutschland gemacht hat. "Albanien ist ein schönes Land", sagt Osman, "aber leben, kann man da nicht". Korruption gefährdet den Alltag der Menschen und nimmt ihnen die Chance auf Bildung. Die Staakener Straße ist ihr drittes Heim. Das Zimmer, welches neun Monate vonOpens internal link in current window Latif und seiner Familie bewohnt wurde, zeigt sich neu. Erstaunlich wie sich ein so spärlich eingerichteter Raum verändern kann. Nur der wild gemusterte Vorhang hängt noch an der gleichen Stelle. Noch immer habe ich mich nicht daran gewöhnt, als Gast auf den Betten der BewohnerInnen zu sitzen. Es ist mir unangenehm diesen letzten Rückzugsort zu besetzen. Aber Stühle sind aus Platzmangel rar.

Wir wissen nie, wo wir morgen sind
waren die Worte Latifs für eine vage Zukunft hinter flüchtiger Gegenwart. Vielleicht leben in zwei Monaten gar keine Menschen aus dem Kosovo, Albanien oder Serbien mehr im Heim. Es geht jetzt alles sehr schnell.

Auch für Opens internal link in current windowRuschka und Milan. Am Montag kaufen sie die Tickets, am Dienstag werden sie bei Vorlage der Fahrscheine auf der Ausländerbehörde ihre Pässe zurückerhalten. Der nächste Abschied gebührt ihnen. Unvorstellbar: daHEIM ohne Ruschka, die farbenfrohe Florale, unangefochtene Königin der Backkunst.

In einem roten T-Shirt mit weißen Punkten lehnt sie in der Tür. "Wir haben das weiße Papier." Amtssprachlich heißt das „Grenzübertrittsbescheinigung“ - Zur Vorlage bei der Passkontrolle anlässlich der Ausreise. Seit zweieinhalb Jahren bewohnen sie Zimmer 110, von Monat zu Monat geduldet. Das Papier verpflichtet sie innerhalb einer zweiwöchigen Frist zum Verlassen Deutschlands.

Hinter der geschlossenen Türe brummt der Staubsauger. Ruschka und Milan packen. Hab und Gut wandert zur Aufbewahrung in blaue Müllsäcke. „Keine Chance mehr für uns“. Sie tragen es mit Fassung, hören unentwegt Nachrichten, verfolgen die Berichterstattung zur Verschärfung des Asylgesetzes, fürchten, dass die Grenzen zu den Balkanländern dicht gemacht werden. Sie werden zurückreisen in ihr Stadt Novo Miloševo. "Ist ein bisschen schwer", sagt Milan." Ich habe nicht genügend Medikamente und es kommt der Winter". Nein, sie wissen nicht wo sie wohnen werden. In ihrem Haus leben jetzt andere Leute.

"Ich bin keine Serbin, ich bin Zigeunerin" - Ruschka lacht. "Weißt du, was das ist 'Zigeuner'?" .
Für sie ist der geächtete Begriff kein Schimpfwort.

Sie kommen wieder, in ein, zwei Monaten. "Nicht als Asyl, als Touristen". Die Überlegungen der Bundesregierung, Menschen aus der Balkanregion die legale Einreise zu erlauben, sofern eine Arbeitsstelle nachgewiesen werden kann, begrüßen sie. „Viel besser so“. Sie wollen ja „leben wie ein normaler Mensch“.
Auch sie sind geschockt, ob der Zahl der Menschen die in der Schlange vor dem LaGeSo stehn.

Opens internal link in current windowZineta ist müde. Ihre Tochter hat es innerhalb von zehn Tagen noch nicht durch die Tür des Sozialamtes geschafft. Sie schläft vor dem Gebäude. Für den zweijährigen Toni und das Baby war die Kälte lebensbedrohlich. Die Großmutter gewährt ihnen Schutz, solange die Tochter obdachlos ist.

Lisbeta grinst zahnlos listig aus Schoß der Großmutter. Toni tobt durch den Flur im ersten Stock.

Arita wurde heute fünf Jahre alt.





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Shkendije, Jasin, Osman

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Dachil, Valentina

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Zineta, bc, Lisbeta, Ruschka

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Gazi & Hazime bereiten die Geburtstagsfeier ihrer Tochter Arita vor

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Hazime

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Geburtstagsfeier von Arita

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Omer im Vodergrund, Ruschkas und Zinetas Enkelsöhne, Zineta mit Lisbeta, Ruschka, Fatime, Denis, Aymen

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Zineta, bc, Lisbeta, Ruschka

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