„Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind -

20.04.2017 Koenige daHEIM

aber es könnt doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen.“ *

 

Reise nach Tuzla - 10.4.-17.4.2018

 

 

„Meine Oma liebt zu sehr die Blumen“, sagt Melisa.
„Meine Mutter liebt zu sehr die Blumen“, sagt Mata.

Würde für jede Träne, die sie weint, eine Blume wachsen, so wäre die Welt ein Blütenmeer. Man würde über einen vielblättrig-duftenden Teppich auf den Berg zu ihr hochsteigen, dahin wo die Hoffnung „Deutschland“ heißt.

Spaziergänger würden wie früher die hängenden Pflanzen auf ihrem Balkon bewundern und sie bitten: „Zineta, gib mir eine Blume.“

Jetzt ist das einzig Florale in ihrem Leben das Muster auf dem Rock, den sie am Ostersamstag uns zu Ehren trägt. Und das Ornament auf dem Überwurf, der im Hof über einem Seil auslüftet. Der hochgetürmte Haufen Textilien im Wohnraum ihrer Mutter Dshamila balanciert auf seiner Spitze eine weitere Decke, zusammengefaltet und gesteppt. Die beiden Decken sind Zinetas Bett. Des Abends breitet sie die eine, dickere, auf dem Boden aus und deckt sich mit der Dünneren zu. Sie schläft so, seit sie zurück ist aus Deutschland, wieder auf dem Berg, an dessen Fuß sich die Altstadt von Tuzla* malerisch ausbreitet, wie man das gerne sieht.
Sie war auch mal jung und für Momente glücklich. Das Gebäude der Erinnerung an die Leichtigkeit des Seins ist seit dem Krieg eine Ruine. Im alten Kino hat sie die verzauberten Stunden erster Liebe durchlebt. Dreimal wöchentlich.
Zineta sieht nicht die Pizza-Stücke im Schaufenster des Schnellimbisses. Ihr Blick schweift über Damenschuhe, die sich in der Auslage der Betrachterin präsentieren. „Egal welche, du kannst auswählen, welche auch immer du willst.“ Der Vater hatte so gesagt, als sie die Schulzeit mit bestandenem Abitur abschloss. Es schien, als hätte es die Älteste seiner fünf Töchter geschafft. Den Schritt über die Schwelle zum besseren Leben sollte die junge Romni** in den glänzenden, braunen, spitz zulaufenden Schuhen tun, für die sie sich nach sorgfältiger Prüfung entschieden hatte. 4,5 cm Absatz.

„Nimm, egal, was du willst. Und von jedem zwei.“ Mata zögerte ob der auffordernden Worte der Mutter, die doch schon lange nicht mehr Geld hatte als fürs Nötigste oder nicht mal das. So wie damals für Zineta die Worte des Vaters ungläubig klangen. Ihre hochschwangere Tochter stand kurz vor der Geburt. Die 16-Jährige hatte das Kind geschehen und werden lassen. Ihr Enkelkind sollte einen guten Start ins Leben haben. Sie füllten den Korb mit der Erstausstattung - zwei Höschen, zwei Hemdchen und zuoberst ein weißes Mützchen.
In den schützenden Armen der Großmutter, die auch ihre Amme war, ist aus dem Baby das Mädchen Melisa geworden. Vor einigen Jahren hat Zineta die Vormundschaft für ihre Enkelin übernommen.

Song of Melisa

Ist doch egal
ist doch egal
kein Haus
ist doch egal
keine Sonne
ist doch egal
kein Bett
ist doch egal
kein Essen
ist doch egal

Ich hab geweint

Ist doch egal.

„Ich will nur noch, dass Melisa nach Deutschland geht. Für mich ist egal.“ Zinetas Lebenskraft ist erschöpft. Immer wieder ging sie in den vergangenen Monaten mit einem Strick in ihr Haus. Aber wo kein Dachstuhl ist, kann man sich nicht mal erhängen. Sie versuchte es mit Kloreiniger. Trank das Gift und spürte keine Wirkung.

Aus ihren Tränen wachsen keine Blumen. Sie sind Salz der Erde auf dem Hügel von Kalevici über der Stadt.

 

* Elisabeth in "Glaube, Liebe Hoffnung", Ödön von Horvath

** „Tuzla“ bedeutet Saline. Als junge Frau arbeitete Zineta in der Salzproduktion.

*** Roma (Mehrzahl männlich, mitunter auch rom; Einzahl männlich: rom, Einzahl weiblich: romni, Mehrzahl weiblich: romnija) ist der Oberbegriff für eine Reihe von Bevölkerungsgruppen, denen ihre Sprache, das indonarische Romanes und mutmaßlich auch eine historisch-geographische Herkunft gemeinsam sind.

**** Schupo in "Glaube, Liebe Hoffnung", Ödön von Horvath

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Als wär das alles ganz normal - Ostersonntag vor Zinetas Haus

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Zineta hat Börek zubereitet und serviert Bosnischen Käse

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Früher eine einzige Pracht.

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Keine Aussicht - Der Blick von Edis, Zinetas Sohn, verliert sich in der Leere. Stundenlang verharrt er bewegungslos, sucht das Gleichgewicht an der Wand.

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Provisorisches Gemach: Zineta und Melisa versuchten sich nach ihrer Rückkehr im Haus einzurichten. Es gibt keine Heizung, keinen Strom, kein Wasser, keine Toilette.

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Trauer um das verlorne Heim.

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Tvrtko I. Kotromanić (* 1338; † 10. März 1391) regierte von 1377 bis 1391 als erster König von Bosnien. Unter seiner Herrschaft wurde Bosnien zum mächtigsten Staat auf der westlichen Balkanhalbinsel, zu dem auch weite Teile Serbiens und Dalmatiens gehörten. (wikipedia)

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Im Schatten der Erinnerung

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An die Hauswand gelehnt: Tena, Sandrietta, Melisa, Sara - Die Cousinen von Melisa sind zu Besuch in Bosnien. Sie haben Aufenthalt in Deutschland erhalten.

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Dachil und Melisa - Sie wünschte sich ihn als Vater

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Zineta

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Zubrot zum Lebensunterhalt: Die Familie verkauft Kleidung und Schmuck auf dem Flohmarkt.

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Hintere Reihe: Edissa, die Zwillingsschwester von Mata, Dachil, Melisa, Mata, barbara, Larissa, Tena | Vordere Reihe: Elvis, Zineta mit Emilio Sandro, Sara, Sandrietta

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Dachil, Melisa, Sandrietta

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„Ohne Glaube, Liebe, Hoffnung gibt es logischerweise kein Leben. Das resultiert alles voneinender“. ***