Das Meer malen

24.09.2016 daHEIM

Ein Besuch in Vlorë am 6.9.2016 bei der Familie von Bruna und Benard, die vor anderthalb Jahren aus Albanien nach in Berlin gekommen sind und einen Asylantrag gestellt haben.

Blau. Welches Blau? Die Pigmente vermischen sich: Kobaltblau, Ultramarin, Coelinblau, Preussisch Blau, Indigo, Türkisblau.... Ohne sich die Füße nasszumachen, ist man schon hineingefallen in dieses Meer von Blau in der Bucht von Vlorë, schwimmt und steigt in Gedanken an der in Sichtweite gegenüberliegenden Küste Italiens an Land.
Ich erkenne das Blau: Serxhio hatte mir auf seinem Handy Bilder von den Seen und Meeren Albaniens gezeigt. „Du fährst in den Tunnel, hinter dir das Adriatische Meer mit Sand und warmen Stränden und du trittst aus dem Tunnel heraus und vor dir liegt das Ionische Meer mit seinen Felsen und dem tiefem, klaren Wasser“. Der 17-Jährige Albaner beschrieb die Stadt Vlorë, in der er geboren wurde. Mit seinen Eltern und seiner Schwester zog er 2003 nach Tirana um.

In der Hafenstadt selbst spricht allerdings kaum einer von Vlorë. Der klangvolle Name Valona bringt die Küste Italiens noch ein Stück näher und nährt die Hoffnung. Die Verständigung fällt leicht, viele der Bewohner sprechen italienisch. Fast jeder hat zumindest einen in der Familie, der im Nachbarsland gegenüber zeitweilig Arbeit gefunden hat.
Sonnengelb leuchtet der Bauch einer großen Fähre, die gewichtig im Wasser liegt und mit geöffnetem Toren zur Überfahrt einlädt. „Die setzt über nach Brindisi“. Stolz schwingt mit in den Worten des Fischers. So selbstverständlich ist das nicht.
Das Schiff ist benannt nach der Stadt, in dessen Hafen es jetzt liegt. So wie auch der verkommene Frachter, der 1991 mit Tausenden von Menschen an Bord die 80 Kilometer Meer nach Bari überquerte. In den Fernsehbildern von damals sind die Passagiere als Einzelne kaum wahrnehmbar. Dicht aneinandergepresst füllten sie den Schiffsraum aus, atemlos. 20'000 waren es, die damals auf der „Vlora“ aus Albanien flohen – in die Freiheit, so hofften sie. Die, die keinen Platz mehr auf Deck fanden, klammerten sich an die Reling oder an Beine, die sie greifen konnten. Andere baumelten an Tauen.

Als Afrodita vor wenigen Monaten ihr neugeborenes Enkelkind im Heim für Asylsuchende in Berlin besuchte, nahm sie die Fähre nach Bari und flog von dort aus mit Easyjet nach Berlin. Die europäischen Sehnsuchtorte sind erreichbar geworden und bleiben trotzdem für die Meisten eine Fata Morgana.
Das Apartment, welches Afrodita mit ihrer Tochter Jonida bewohnt, ist nur wenige Schritte vom Neuen Strand entfernt. Die Baustelle, durch die man zum Hauseingang balanciert, lässt das nahe Meer beinahe vergessen. Ein offener Raum vereint das Wohnzimmer mit Sofaecke und Couchtisch, der Küche und einem Essbereich. In einem Vitrinenschrank präsentiert Afrodita ihre Sammlung von Kaffeetassen. Sie liebt die schönen Dinge, mit denen sich das Leben dekorieren lässt.

Ein Verwandter hatte ihr, Tochter und Sohn, sowie dessen Frau und Kind das moderne Zwei-Raum-Apartment vor sieben Jahren überlassen. Das Leben außerhalb des Stadtzentrums war zu anstrengend geworden für die 56-jährige. Aber auch hier im Zentrum beunruhigt die Frage, ob die Ambulanz dem Ruf schnell genug folgt, wenn sie dringende medizinische Hilfe braucht. Afrodita ist auf täglichen Medikamente angewiesen. Die Notfallhilfe in Albanien ist nicht für Schnelligkeit bekannt. Das Eintreffen des Krankenwagens kann schon mal eine Stunde auf sich warten lassen. Manch einer überlebt das nicht.

Afroditas Sohn ist ausgebildeter Krankenpfleger, ihre Schwiegertochter Krankenschwester. „Warum“, fragt Jonida, „hat Angela Merkel bei ihrem Besuch in Albanien gesagt, Deutschland braucht medizinische Fachkräfte und Ingenieure? Und jetzt dürfen wir Albaner nicht in Deutschland bleiben“.

Ihr Bruder Opens external link in new windowBenard und seine Frau Bruna sind dem so verstandenen Ruf der Kanzlerin gefolgt und haben 2015 Asyl in Deutschland beantragt. Seither bangen sie in einem 15 qm Raum um ihre Zukunft.

Afrodita serviert eingelegte Pflaumen mit Mandelkern, bernsteinfarben und honigsüß. Eine Spezialität, die sie zur Verlobung ihrer Tochter Jonida zubereitet hat. Der Verlobte sitzt mit auf dem Sofa. Er hat Ferien. In zwei Tagen kehrt der Ökonom nach Mazedonien zurück. Jonida ist Juristin. Eine Arbeit konnte sie nach dem Studium nicht finden. Ihr Verlobter verdient, was alle verdienen: monatliche 250.- Euro. Afrodita bekommt die übliche Rente von 50 Euro. Jonida wünscht sich ein eigenes Apartement für sich und ihren zukünftigen Mann. Mit nur einem Gehalt undenkbar. Der öknomische Zwang schließt Albanische Familien über Generationen in Kleinraum-Wohnungen zusammen.

Der Tisch ist reich gedeckt mit Italienischen und Albanischen Gerichten und frischem Fisch.

Eine der Villen Envar Hoxhias liegt nicht weit allzu von Afroditas Wohnung entfernt. Sie schlägt die Hände über Kreuz. Wer zu Zeiten der Dikatur wagte italienisches Radio zu hören, riskierte Gefängnis. Ihrer Familie ging es leidlich gut. Ihr Mann war Chefmechaniker in einer „Gomisterie“. Reifenreparaturwerkstätten haben als Geschäftsmodell auch in neuen Zeiten bestand. „Gomisterie“ und „Larje“, Autowaschanlagen, werben an allen Straßenecken um Kundschaft.

Wenn Afrodita über ihr berufliches Leben erzählt, dann klingt es, als hätte sie das kleine Geschäft gerne geführt, über dessen Ladentisch sie Zeitungen und Schreibwaren verkaufte. Die Zeit nach der Wende konnte die Mutter mit ihren beiden Kindern kaum bestehen. Ihr Mann verstarb, sie musste die Familie irgendwie durchbringen, den Kindern Bildung und Schulabschluss ermöglichen. Womit sie die Konservendosen während ihrer Arbeitsjahre in der Fabrik füllte, verrät sie nicht.

Am Neuen Strand von Vlorë werden Hochhäuser gebaut und ein „Giro“ entsteht, eine Promenade für Flaneure. Sommergäste werden erwartet.

Am Alten Strand fischen ein paar Männer. In den Pinienwäldchen versammeln sich die Übrigen zum Gespräch und Dominospiel. Betonruinen säumen die blaue Kulisse. Gebäude zerfallen, gegenwärtige Bauvorhaben wurden abgebrochen, die Liegestühle verwittern, die Duschen verrosten.
Der Boden ist verseucht mit den Altlasten einer PVC Fabrik aus kommunistischer Ära, die Quecksilber ungefiltert in den Grund leitete. Die Werte überschreiten die EU-Normen um das 1000fache.

Afrodita zieht aus einer Schublade eine Tüte mit Souvenirs: Keramikarbeiten mit den Reliefs von Häusern und Landschaften. Inseln schwimmen auf Tellern. Ihr letzter Job: fünf Jahre lang hat sie im Akkord die plastischen Motive bemalt. Es sind unverkennbar griechische Impressionen. Afrodita lacht. Die Reiseandenken für die Touristen auf Mykonos, Rhodos und Santorin wurden von ihr am Wohnzimmertisch in Vlorë koloriert und dann in die griechischen Ferienparadiese exportiert.

Jonida half der Mutter, um die Stückzahl zu erhöhen: Ihr fiel das Meer zu. Sie malte es blau.






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Afrodita signiert eines ihrer Werkstücke, die sie für den griechischen Tourismusmarkt produzierte.

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Das Meer bei Vlore

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Heute existiert ein Schiffsfahrplan für den Fährbetrieb nach Brindisi , 1991 flohen 20000 Albaner_Innen mit dem Dampfer Vlore an die italienische Küste.

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Die Hafenstadt Vlore, meist beim italienischen Namen Valona genannt

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Am Alten Strand

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Das Meer

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Verlassene Strandlandschaft

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Ruinen

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Der Boden am Alten Strand ist durch Chemikalien verseucht

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Afrodita mit Familienfoto

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Die passende Kaffeetasse für jeden Gast

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Afrodita, ihre Tochter Jonida, der Verlobte Jonidas

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Gastmahl mit frischem Fisch

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Souvenirs für Griechenland

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Werkstücke, von Afrodita bemalt

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meerblau