Das Floß der Medusa oder

02.05.2016 daHEIM

§§ 34,35 AsylVfG, bzw. § 34a AsylVfG - das Jüngste Gericht

Drei Frauen treiben auf einem Floß. Aus ihren langen, über den Rücken fallenden Haare haben sich Strähnen gelöst. Die Züge ihrer Gesichter sind schmerzverzerrt. Sie weinen. Im Leid werden sie zu Schwestern.

Die drei Frauen aus Albanien sind 31, 40 und 42 Jahre alt.

Ihre Tränenströme heben nicht den Meeresspiegel an, sondern versickern in der Auslegeware von Zimmer 114. Der unbestimmte Grund des Teppichbodens wird zum Schlund, der alles verschluckt. Hoffnung lässt sich wegtreten, Tränen hinterlassen keine Spur.

Die Frauen haben jeden Halt verloren. Die Abschiebewelle droht, sie als nächste zu erfassen. Das Floß birst, gleich bricht es auseinander. Sie schreien verzweifelt um ihr Leben und das ihr Kinder. Sie treiben auf offener See, kein rettendes Ufer in Sicht. Gegenwart und Zukunft werden über Bord geworfen.

Das Weinen der Frauen hat die Melodie eines Klageliedes. Ihr Schluchzen ist Ausdruck der Angst vor dem Land, welches sie vor ein paar Monaten verlassen haben. Dieses Land heißt Albanien – ein Staat gebrandmarkt von Korruption, Drogenhandel und organisierte Kriminalität1.

Zwischen den Schiffbrüchigen ragt eine junge Frau auf, bereit als Galionsfigur die Welle zu brechen. Ihre Rede für die Menschenrechte und ihre Forderungen nach deren Gleichheit und Allgemeingültigkeit für alle Menschen verhallt innerhalb der Wände des 33qm-Zimmers, welches seit acht Monaten eine fünfköpfige Familie aus Tirana beherbergt. Selmas Worte sollte im Plenarsaal des Europaparlamentes Gehör finden.

Fragt sie heute einer, woher sie kommt, verweigert sie beschämt die Auskunft.

Ihr Englisch ist sehr britisch. Sie war drei Jahre alt, als sie mit ihrer Familie 1999, zu Zeiten des Kosovokrieges, nach Großbritannien floh. Für die Bootsfahrt über den Kanal hatte man ihr eine Plastiktüte über den Kopf gezogen, um ihre Angst vor dem Wasser zu bändigen. Die Familie lebte fünf Jahre in Leeds. Dann klingelte eines Morgens die Polizei an der Tür. Die Familie wurde überraschend abgeschoben. Im Morgengrauen verlor das Leben seine Perspektive.

Als sie vernahmen, dass Deutschland Albanien zum sicheren Drittstaat erklären würden, machten sie sich schnell auf, ließen zum zweiten Mal alles zurück, und kamen mit der Hoffnung vor Inkrafttreten der Regelung angehört zu werden und ein Bleiberecht zu erwirken. Sie kannten das Recht nicht gut genug, um zu erkennen, dass ihnen ihre Tragödie nicht mit Asyl vergolten werden würde und sie den Stempel der Armutsmigranten tragen würden.

"Wir sind nicht wegen Bomben gekommen - wir sind vor der ökonomischen Krise geflohen"

Die Bemühungen der 40-jährigen Vitore als Friseurin oder mit dem Verkauf von Pide, Börek und Döner den Lebensunterhalt der 5-köpfigen Familie zu sichern, haben nicht genügend Mittel eingebracht. Die Familie konnte kaum mehr überleben in ihrem Land ohne Zukunft. Sie verließen ihr Haus in Tirana. Seit September 2015 teilen sich die Eltern mit ihren drei Kindern ein Zimmer im Heim. 

Am Morgen des 29. April kauert Vitore zwischen den Lehnen eines schäbigen Polstersessels. Die „Siegerin“ ist gebrochen. In Panik vor einer polizeilichen Abschiebung hat sie den laufenden Asylantrag der Familie zurückgezogen. Sobald die Ausländerbehörde den Familienangehörigen ihre albanischen Pässe übergibt, müssen sie gehen. Das erwachende Bewusstsein über die Konsequenzen ihres Handelns lässt sie nun schier verzweifeln.

Vitores Mann heißt Agron - benannt nach dem hellenistischen König, dessen Reich einst das heutige Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro und das südliche Dalmatien umfasste.

Agron sitzt machtlos in Zimmer 114 und trinkt ein Bier. Janus mit seinen Doppelkopf von Krieg und Ökonomie lässt sich nicht blicken.

§§ 34,35 AsylVfG, bzw. § 34a AsylVfG - das jüngste Gericht

Am 28. April wurde ein Brief in gelbem Umschlag an Kumrije, Valentina, Valdrina und Fuad ausgehändigt. Er löste das Beben aus, welches nun die Menschen erschüttert.

Briefe in gelbem Umschlag beinhalten das Urteil des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge über den Asylantrag - Bleiben können oder Gehen müssen. Die Farbe des Poststückes verrät die Entscheidung. Gelb bedeutet Ablehnung des Antrages als unbegründet

Kumrije und ihre Kinder wurden aufgefordert das Land binnen einer Woche zu verlassen.

Valentina wird am zwölften Mai zwölf Jahre alt. Sie ist besinnungslos vor Schmerz und Angst.

Als Tochter einer geschiedenen Frau hat sie im Kosovo gesellschaftliche Ächtung erfahren. Die Familie ist bitterarm. Valentina hat Angst vor dem der Hunger, der wiederkehren wird, weil das Essen nicht reicht, sie hat Angst, vor der Nässe an den Füßen, weil sie keine Regenschuhe hat. Ihre Lippen sind schockblau und lassen die Kälte spüren, die ihr im Winter zum Feind wird.

Das Bundesamt begründet auf zehn Seiten  sorgfältig, warum der Asylantrag AZ: 5916710 – 150 negativ beschieden wurde.
Die Niederschrift der Anhörung vor dem Bundesamt, welche als Grundlage des Urteils dient, liegt bei.

Auf der Bettkante von Zimmer 111 sitzt ein verzweifeltes Kind.

 

1 http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/in-albanien-gedeiht-das-organisierte-verbrechen-13765129.html

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Valbona, Vitore

Das Floß der Medusa (Le Radeau de la Méduse) | Théodore Géricault (1791–1824)

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Die Welle

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Von angesicht zu Angesicht: Valbona und Vitore, zwei Frauen aus Tirana

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Valbona mit ihrem Sohn Denis

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Kampf gegen die Welle: Mussab und Selma im Museum Europäischer Kulturen

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ERGO SUM: Kumrije Monroe, geflohen aus Mitrovica, Kosovo. Seit Januar 2015 mit ihren Kindern Valentina, Valdrina und Fuad in Berlin

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ERGO SUM: Mona Valbona

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Kumrije Monroe mit ihren Kindern Valdrina, Valentina und Fuad

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Valbona und Vitore

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Kumrije vor ihrem Portait aus der Serie ERGO SUM

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Selmas Blick sieht keine Zukunft. Wandzeichnung im Museum Europäischer Kulturen

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ERGO SUM: „Ich versuche mich selbst zu finden. Manchmal ist das nicht leicht." Marilyn Monroe

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