Bereket und das Ammerland oder "Findet mich das Glück?"

09.11.2016 daHEIM

Eine Fahrt in die Zukunft am 28./29.10.2016. Berekt Kibrom, Aymen Montasser und barbara caveng finden den Ort, an dem Deutschland und Eritrea zusammenkommen.

Da wo der Zucker Kluntjes heißt und nicht lose auf den Grund sinkt, sondern wie ein Eisberg in der Teetasse schwimmt, liegt das Ammerland.

„Ich habe jetzt hier einen jungen Mann aus Berlin, der hat in Afrika schon viele Dächer aus Stroh gebaut“. Herman Rust spricht mit Bedacht in den Hörer. Der Blick aus dem Fenster seines Büros wird auf die sich sanft neigenden Flächen eines reetgedeckten Dach gelenkt.
Auf dem Besprechungstisch des Bauplaners und Architekten liegen Ausdrucke von Opens internal link in current windowBerekets „AGEDO“ - jenem Dach, welches er in der Tradition seines Herkunftslandes Eritrea im Sommer im Garten des Museums Europäischer Kulturen errichtet und zur Skulptur erhoben hat.
50km östlich des Fachwerkhofes Rust befindet sich die Gemeinde Elsfleth, eine der ältesten in der Wesermarsch. So heißt in dieser Gegend Niedersachsens das Land, von dem Bereket ein paar Stunden später sagen wird: „Das ist nicht Deutschland - das ist Eritrea“.

Entlang des Bardenfleths blinzeln Fenster unter den Wimpern dicker Schichten von Reet den Besucher an. Es sind eher Hügel, die sich hier über die Hausmauern schwingen und die Wohnbereiche schützen als Aufbauten starrer Dächer.
War dieser Ort, in dem der Dachdeckerbetrieb von Uwe Thormählen seinen Sitz hat, Inspiration für die Filmarchiteken, die die Häuser der Hobbits zu entwerfen hatten? Waren die Reetdächer Elsfleths Vorbild auf der Suche nach dem architektonischen Ausdruck für Gemütlichkeit, Schutz und Zuversicht?

Ich bin Bereket. Ich komme aus Eritrea. Ich bin ein Dachbauer. Ich habe in Eritrea acht Jahre lang Dächer aus Stroh gebaut und ich habe in Eritrea ein Jahr Ausbildung gemacht. Danach habe ich alleine geabeitet. Ein Dach ist in vier Tagen fertig. Ich habe in Eritrea 150 Dächer in acht Jahren gebaut.“

65 Menschen arbeiten in dem Opens external link in new windowBetrieb von Uwe Thormählen, der auf die Herstellung von Reetdächern und deren Instandhaltung spezialisiert ist. Die Nachfrage ist groß. Einst durch seine Verfügbarkeit in der Natur als günstiges Baumaterial von der ärmeren Bevölkerung verwendet, drücken Reetgedeckte Häuser heute Wohlstand aus.
Es ist ein Freitagnachmittag, an dem wir über das Betriebsgelände laufen hin zu den Überdachungen unter denen der Rohstoff lagert, sortiert nach Qualität und Herkunft. Die Schilfballen kommen aus China, Ungarn und der Region. „Ist das schön“, sagt Bereket und posiert vor den gebündelten Halmen.

Der Dachbauer aus Eritrea lebt seit zwei Jahren in Berlin. Er mag die Stadt, die Menschen. Einzig die Dächer stören das fast perfekte Bild: Berlins Häuser werden nicht mit Schilf oder Stroh gedeckt. Berekets Fähigkeiten finden keine Anwendung. Die Ämter haben ihn für ein Praktikum in eine Großküche geschickt.

Am Samstag dann war der Herbst gülden und verführte Berekets Wahrnehmung: Die Klinkerbauten der Häuser, das ausgebreitete Land, die Schuppen mit den landwirtschaftlichen Fahrzeugen - alles schien  ihn an sein früheres Leben zu erinnern.
Am liebsten hätte er sich auf den Rücken eines der weidenden Pferde geschwungen und wäre  losgetrabt. Die Rohrkolben des Schilfes, lehrte er uns, sind essbar.
Ein paar schmucke Hühner am Wegesrand veranlassten ihn, seinen Ausspruch zu bekräftigen: "Das hier ist nicht Deutschland, das ist Eritrea".

Wir hatten in Gießelhorst übernachtet. An der Fassade des Hauses im Langen Weg prangt der willkommenheißende Schriftzug "Moin Moin".
"M-O-I-N ?" - Bereket entzifferte das ihm unbekannte Wort. Wir erklärten ihm, dass es sich um eine tageszeitunabhängige Grußformel der Region handele. Während wir über Land spazierten, stellten wir uns die Aufgabe, jeden Menschen, der uns begegnete, mit einem freundlichen "Moin-Moin" zu begrüßen. Berekets Erstaunen ob des Echos des ihm von Fahrradfahrern und Spaziergängern ganz selbstverständlich entgegneten Grußes "Moiiiiiiiiin!", äußerte sich in einem glucksenden Kichern.

In den Abendstunden auf dem Balkon der Ferienwohnung hatte er uns, bewegt durch die Eindrücke des Tages, nochmals von seinem Leben in Eritrea vor der Flucht erzählt: "Ich hatte alles. Ich war reich. Ich hatte eine Frau. Alles war gut." Seine Arbeit hatte ihn zu einem angesehenen Mann gemacht.

„Findet mich das Glück?“ - die schönste aller Frage hat einst das Schweizer Künstlerduo Fischli und Weiss gestellt.

Berekets Dach im Museumsgarten bewog einen Besucher, den Kontakt zu Fachleuten in Niedersachsen herzustellen – da wo Rainer Ohliger1aufgewachsen ist, da, wo der Zucker, wie ein Eisberg in der Teetasse schwimmt und es noch Dächer gibt, die mit Schilf gedeckt werden. Fünf Stunden von Berlin entfernt.
KUNSTASYL ist in dieses "Nicht - Deutschland - sondern - Eritrea" gereist mit der Frage, ob sich die Fähigkeiten eines Dachbauers aus Gherghef mit denen eines Reetdachdeckers in der Marsch und im Ammerland verbinden lassen.

Heute haben wir eine Email von dem Dachdeckerbetrieb Thormählen aus Elsfleth bekommen: Das  Unternehmen lädt Bereket  zu einem Praktikum ein.  Dahinter liegt die Zukunft mit der Option auf eine Ausbildung.

Ihn hat das Glück gefunden.
Er war sichtbar.

1 Opens external link in new windowRainer Ohliger, geb. 1967, ist Historiker und Sozialwissenschaftler. Hauptforschungs- und Interessengebiete sind historische und internationale Migration, interethnische Beziehungen sowie Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft.


daHEIM_KUNSTASYL photo caveng

Bereket vor Schilfballen auf dem Gelände des Reetdachdeckers Uwe Thormählen

KUNSTASYL photo caveng

Bereket Kibrom, Rainer Ohliger, Hermann Rust und Aymen Montasser im Büro des Architekten und Bauplaners in Westerstede

©http://www.uwe-thormaehlen.de

Neueindeckung eines Einfamilienhaus mit Reetdach in Bremen

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"Das ist nicht Deutschland, das ist Eritra" - Neueindeckung Reetdachpavillon

daHEIM_KUNSTASYL photo Diwali Haskan

Bereket beim Bau seines AGEDOS im Garten des Museums Europäischer Kulturen

©http://www.uwe-thormaehlen.de

Sanierung eines Reetdaches und Erstellung einer Kupferfirst

KUNSTASYL photo Aymen Montasser

"Das ist nicht Deutschland, das ist Eritra" - Hühner in der Nähe von Gießelhorst im Ammerland

KUNSTASYL photo caveng

Megedi tiihna amet kida | መገዲ ትዕና ዓመት ኪዳ | Nur mit Geduld erreichst du dein Ziel. Bereket und Aymen - zwei Freunde.