110 Ruschka & Milan

Ruzica
Milan

 

 

 

KUNSTASYL photo caveng

23.10.2015


Ruschka und Milan haben das Zimmer 110 fast zweieinhalb Jahre bewohnt. Die Duldung wurde ihnen überraschend entzogen. Am 23.10.2015 um 17 Uhr verließen sie Berlin mit dem Bus Richtung Novi Sad, in Serbien. Opens external link in new window> Sve dobro

Die glückliche Zeit ist viel zu wenig

 

Das erste mal war ich hier 1997 – 2004, zusammen mit meinen drei Kindern und meiner Frau. Kinder waren noch so was und wir gehen freiwillig zu Hause. Nach sechs Monaten kam die Chance für offen hier. Aber ich bin nicht da. Und letztes mal bin ich gekommen vor zwei Jahren, 2013 im Juni. Das ist Asyl, vorher ich bin nicht Asyl sondern wie Duldung.

Als ich das erste mal hier war, habe ich nicht gearbeitet. Auch geduldet und Sozialhilfe. In diesen sieben Jahren ein bisschen Heim, ein bisschen Wohnung. Im letzten Jahre bis 2004 habe ich in einer privaten Wohnung in Wittenau gewohnt.

Seit 2013 bin ich wieder hier, im Juni zwei Jahre ungefähr. Hier in diesem Heim.

Seit fast zwei Jahren hier zu wohnen, ist kein Problem aber seit zwei Jahren, keine Farbe kein so was... bisschen schwer.. keine frische Luft. Aber was soll man machen.

Ja, in Berlin habe ich Bekannte.

Ich bin gekommen, wegen meinem Herzproblem, bei uns in Serbien ist es schwer. Wenn wir einen Herzkatether machen wollen, machen wir einen Termin in ein paar Jahren. Die nächsten zwei Jahre musst du bleiben. Wenn ich nicht bleibe, nicht machen. Hier ist es anders. Wenn der Doktor heute sagt, du musst operiert werden, dann wirst du an diesem Tag operiert, kein Problem. Aber bei uns, wenn du operiert werden musst, musst du zu lange warten. Du musst warten und du musst alles bezahlen. Zu viel... Ich habe 2006 auch einen Herzkatether gemacht. Ich habe im Bett gelegen, sie haben geguckt, was mit mir ist und haben gesagt, ich brauche einen Stent, kostet ungefähr 200 Euro. „Hast du das Geld oder nicht?“ Wenn ich sage nein, dann bringen sie es nicht. Hier ist es anders. Hier helfen sie, damit du gesund wirst. Nach der Operation musst du ein Jahr lang ein Medikament trinken. Es kostet 200 Euro jeden Monat. Und das andere ist gegen Schmerzen, ungefähr 300 Euro jeden Monat. Hier habe ich viele Medikamente. Ungefähr sieben früh und drei für nachts. Aber ich bin nicht zu 100% hier. Jede drei Monate, geben sie mir so was zum Bleiben... werde ich geduldet. Am 19. März bin ich noch einmal bei der Ausländerbehörde, ich weiß nicht was sie sagen werden... Drei Monate, vielleicht einen Monat, vielleicht sechs Monate, das weißt du erst, wenn du bei der Ausländerbehörde bist.

Ja, ich habe Angst. Wenn ich wieder zurück muss, sind meine Medikamente weg. Ich mache diese Operation, dann ist alles gut, aber ohne Medikamente... nicht gut.

Ohne Medikamente, keine Arbeit. Ohne Medikamente, kein Leben. Mit Medikamenten geht es mir momentan besser aber ohne Medikamente geht es nicht. [Milan holt Plastiktüten voller Medikamente aus dem Schrank] Das alles sind meine Medikamente.... Dieses Medikament muss ich ein Jahr lang nehmen, dieses bis Ende September. Aber jeden Monat kostet es bei uns ungefähr 200 Euro, für drei Monate 600 Euro.

Ich habe keinen Beruf. Ich war acht Jahre in der Schule in Serbien. Und ich habe hier in Deutschland meinen Führerschein gemacht. Später als ich krank wurde, habe ich nicht gearbeitet. Davor habe ich einer Fabrik gearbeitet, Zucker gemacht. Und in einer Fabrik habe ich mit Metall gearbeitet, bei hohen Temperaturen. Ich weiß nicht wie das heißt... Metall und Eisen bei ungefähr 1.000°C...

In Serbien komme ich aus Novo Miloševo. Es ist ein Dorf im Süden. Ich habe drei Söhne. Zwei Söhne sind in Serbien in diesem Dorf. Einer ist in Deutschland noch ein bisschen da mit seinen Kindern und seiner Frau, aber er hat dieses Papier und muss zurück.

Wenn ich das höre... viele Probleme. Für ihn ist das schwer, aber für mich ganz schwer. Ohne den Medikamenten lebe ich nicht.

Was ich mir wünsche? Ich wünsche mir, dass alle meine Kinder eine Chance haben herzukommen, zu arbeiten und zu leben wir normale Leute.

Ich habe kein Problem mit den Deutschen, nein. Wenn ich ein Problem habe, interessieren sie sich, wollen helfen, was kann ich machen. Guten Tag oder Tschüss oder so was, kein Problem. Die Leute sind gut. Vorher bin ich ein bisschen in Marzahn geblieben, bisschen in Wannsee, bisschen in Wittenau... Kein Problem. Wenn ich ins Sozialamt gehen, hab ich auch kein Problem mit den Leuten.

Mit meiner Frau bin ich ungefähr seit 30 Jahren verheiratet. Ich habe Zwillinge, sie sind 27 Jahre und noch ein Kind, 25 Jahre alt. Drei Söhne.

Die glückliche Zeit ist viel zu wenig. Wenn ich hier bin ist es bisschen besser. Mit den Kindern vorher zusammen, besser. Das war gut. Aber wenn ich zurück muss, ist es nicht gut. Zu mir, zu meinen Kindern, zu meinen Enkeln, das ist nicht gut.

Wissen Sie was das Problem ist. In Serbien gibt es keine Arbeit. Für serbische Leute bin ich ein Problem. Ich bin Roma. Für uns ist es schwer. Ein Problem. Wenn sie sehen Roma, dann gibt es keine Arbeit. Vielleicht haben sie Arbeit, aber wir kriegen keine Arbeit.

Hier haben vielleicht viele Roma, so rumänische... nicht alle Roma sind wie einer. Es gibt andere, weißt du. Ich bin ein serbischer Roma.

Für Roma ist alles schwer und ein Problem. Musik spielen, Tanze, ja das gehört zu Roma. Die Musik habe ich noch in mir. Ich höre Musik, aber Musik selber machen, tue ich nicht. Am 8. April ist nationaler Roma-Tag.

Serbische Roma sagen, ist nicht gut, es heißt orthodoxe Roma. Wenn ich hier in Deutschland bin, haben wir in der Kirche meine Kinder mit meine Frau zusammen getauft. In Berlin, Wittenau ist die Kirche. Nicht so weit. Aber jetzt finden wir die Kirche nicht mehr. Sie ist nicht da, es ist etwas anderes. […]

Die anderen aus Serbien hier im Heim sind nicht alle Roma. Eine Familie ist aus Serbien und eine aus Bosnien, hier in diesem Stockwerk. Unten gibt es noch eine bosnische Familie. Das ist eine Sprache, aber wir haben kein Problem mit den anderen Leuten. Kein Problem, wenn sie Hilfe brauchen oder wir Hilfe brauchen... Kein Problem auch mit den arabischen oder so.. ne, kein Problem.

Mit allen spreche ich deutsch aber viele sprechen nicht deutsch. Bisschen lernen sie und wo ich helfen kann, helfe ich. Aber die anderen, die mit den Kindern, als sie kamen, kein Wort können sie sagen. Aber später lernten sie. Sie haben schon gelernt jetzt. Seit ungefähr fünf bis sechs Monaten. Mit Kindern, mit Eltern.. kein Problem.

Normalerweise sind die Leute hier für drei Monate. Als ich kam, gab es keine Küche und so was hier. Später machten sie eine Küche und ich wollte hier bleiben. Ich guckte hier und es gab kein Problem, wenn neues Heim, dann weiß ich nicht, welche Leute was. Kein Problem. Aber vorher waren hier viele serbische Leute und bosnische Leute. Jetzt sind es wenige. Alle mussten zurück. Und im Sozialamt, habe ich gesagt, ich möchte hier bleiben.

Ich bin krank, ich brauche Ruhe. Diese Toiletten und so sind schon besser. Ich kenne viele Heime von vorher. Ich habe viele Leute gesehen von anderen Kulturen. Hier ist es jetzt gut. In anderen Heimen war es ein Problem. In einer privaten Wohnung... ich bin hier seit zwei Jahren. Vielleicht habe ich eine Chance auf eine private Wohnung, das ist was anderes. Aber ein Heim... dann möchte ich hier bleiben.

Ich bin 1964 geboren, ungefähr 50 Jahre alt. In Serbien, als ich klein war, war ich bei meiner Großmutter.

Meine Kinder habe ich nicht getauft, das kostet viel Geld, wenn du das machen willst. Als ich nach Berlin kam, meine Frau war auch nicht getauft, nur ich in einer orthodoxen Kirche. Als wir hier waren hatten, meine Kinder meine Frau und ich auch, alle zusammen die Chance das zu machen.

Ich bin ohne Mutter aufgewachsen, seit ich sieben Monate war. Als ich geboren bin, war meine Mutter weg, ich weiß nicht wo. Meine Großmutter hat mich großgezogen. Und als ich 13 Jahre war, ist mein Vater gestorben. Ich habe keine Geschwister. Und meine Kinder sind Eltern. Ich habe acht Enkel. Aber ich bin nicht sauer. Ich genieße es eine große Familie zu haben. Einer der Söhne lebt noch hier, aber er geht bald zurück. Tamara ist die Frau vom anderen Sohn. Er kommt, ein bisschen bleiben und wieder zurück. Wie ein Tourist. Der andere ist hier angemeldet, Asyl wie ich. Aber der andere kommt zu Besuch.

Wenn mein kleiner Enkel herkommt, ich habe ihn nicht gesehen. Er ist ungefähr 2 Jahre und 4 Monate, aber ich habe ihn jetzt zum ersten mal gesehen vor ein paar Tagen. Ein anderer ist jetzt im Januar geboren, ihn habe ich noch nicht gesehen. Für mich ist das ein Problem.

In Serbien brauche ich Hilfe. Mein Söhne helfen normalerweise aber jetzt helfen sie nicht mehr, weil sie selbst brauchen. Ohne Arbeit... aber alles ist so: hast du Arbeit, hast du ein Leben. Ohne Arbeit, ohne Geld.. kein Leben.

[…] Wenn du 100 Jahre arbeitslos bist, dann wartest du nur. Bitteschön, was willst du schon arbeiten oder hast du eine Chance auf Arbeit. Und wenn du Roma bist, ist es noch schwerer. Wenn du kein Roma bist, hast du vielleicht ein bisschen Chance auf Arbeit. Nicht viel, ein bisschen. Für alle ist es schwer jetzt.

Von anderen europäischen Ländern habe ich nur gehört. Als ich hier nach Deutschland kam und nochmal herkam, habe ich von anderen Ländern gehört. Für mich ist Deutschland gut, weil ich verstehe. Sonst wäre es ein großes Problem, wenn ich nicht reden könnte. Wenn du redest, ist es kein Problem. Wenn ich wo hingehen muss, kann ich gehen. Ganz Berlin oder ein anderer Ort, kein Problem. Auf der Mappe gucken und so, kein Problem. In einem anderen Land, ich glaube nicht, dass ich es so mache. Andere Sprachen und so was. Zu schwer. Aber in Berlin ist es gut. Alles was ich will, mache ich.

Im Moment ist es zu schwer. Ich weiß nicht was... Ich weiß, mein Sohn muss zurück. Auf der eine, Seite, die Kinder sind nicht bei mir. Auf der anderen Seite, vielleicht kommen sie später. Aber wann, weiß ich nicht. Das ist ein Problem.

Tamara: Ich bin seit ungefähr zehn Tagen hier zu Besuch. Wie lange... weiß ich nicht was mein Mann denkt.

Milan: Ich glaube noch zehn Tage. Sie wohnt in einer Wohnung bei ihrer Schwester.

Tamara: Ich wohne in Novo Miloševo, ich habe dort geheiratet. Dort gibt es überhaupt keine Arbeit.

Milan: Wir haben paar Tage private Arbeit, aber das ist auch schwer. Ein paar Tage Arbeit, ein paar Tage nicht mehr... ein paar Tage Arbeit und dann vielleicht fünf, sechs Tage keine Arbeit, vielleicht zehn Tage keine Arbeit. Dann zwei Tage Arbeit.... So was...

Tamara: Wir haben einen kleinen Garten. Wir haben Kartoffeln und Zwiebeln und so. Aber das ist sehr wenig für uns, für die vielen Leute. Wir sind 14 Leute zu Hause. Wir haben acht Kinder jetzt.

Milan: Zusammen habe ich jetzt acht Enkel. Zwei Kinder, der andere Sohn drei Kinder und der andere auch drei Kinder. Und alle leben zusammen in einem Haus.

Tamara: Wir haben einen kleinen Kindergarten. Kinder von zwei Monaten bis neun Jahre. Also zwei Monate, drei Jahre, vier Jahre, fünf Jahre, sieben Jahre und zwei kleine Töchter von neun Jahren. Ich habe zwei Kinder, sie hat drei Kinder, andere drei Kinder. Wir kommen klar.

Das Haus ist nicht so groß, es ist klein. Wir leben alle zusammen.

Milan: Alle haben ein eigenes Schlafzimmer, aber die Zimmer für Essen, Küche... alle zusammen.

Tamara: Ich habe keine Berufsausbildung. Ich war damals zwei Klassen in Berlin. Das war ungefähr 1997. Ich war auch mit meinem Vater und Mutter.

Ich habe nur zwei Klasse, meine ältere Schwester hat mehr, ich glaube fünf, sechs, sieben Klassen. Aber in Wien hatte sie neun Klassen. Ich war nur zwei Jahre in der Schule, wir lebten in Deutschland ungefähr viereinhalb Jahre. Ich kann lesen, aber schreiben habe ich schon verlernt, in Serbien war ich nicht in der Schule.

Barbara: Haben Sie manchmal das Bedürfnis etwas zu lernen?

Tamara: Ja, unbedingt. Aber jetzt mit dem Kind, das geht ja nicht. So komme klar aber irgendwas anderes nicht.

Ich bin fast 25. Wenn ich könnte... meine Leidenschaft ist Kochen. Das wollte ich immer mal werden aber das geht nicht in der Schule bei uns. Wir hatten kein Geld. Aber in Serbien geht das nicht so wie hier, dass sie Leuten helfen. Das sieht man ja auch, dass Deutschland sehr vielen Leuten hilft, deswegen kommen Leute auch von anderen Ländern. Aber in Serbien gibt es keine Hilfe.

Eine Kochausbildung, ja sehr gerne.

Milan: Wir hören was aber weiß ich nicht was genau das ist. Geboren in Wien und das Gesetz sagt, wo du geboren bist, bekommst du vielleicht diesen Pass. Wie viel Chance ich habe auf so was, weiß ich nicht.

Tamara: Meine Mutter hat in Wien als Reinigungskraft gearbeitet, viele Jahre, vor ungefähr 35 Jahren, vielleicht 30. Wir sind alle Schwestern in Wien geboren. Aber meine Mutter hat eine Krankheit erlitten, sechs Monate hat sie gearbeitet und dann Krebs bekommen. Deswegen hat mein Vater beschlossen, dass wir besser nach Hause gehen nach Serbien. Das war ungefähr 1993. Da war ich schon drei Jahre alt. Er sagte, es ist besser wenn wir nach Hause gehen. Wir konnten nicht so klar kommen, dass sie stirbt, das geht ja nicht. Sie müsste noch arbeiten. Damals konnte man noch arbeiten, jetzt nicht mehr. Wir hatten eine Wohnung aber mein Vater hat sie aufgegeben. Das ist sehr lange her, das hat er schon verloren.

Milan: Wenn sie diesen Pass kriegt in Wien, ist es kein Problem für diese Familie, für meine Kinder und meine Enkel. Arbeit, kein Problem.

Tamara: Dafür braucht man viel Geld und ein Anwalt vielleicht.
Meine Mutter hat gesagt, dass ich auch eine Geburtsurkunde in Österreich habe, wie in Serbien.

 

Das Gespräch mit Milan und Tamara wurde am 5.3.2015 geführt und von Safaa Moussa transkribiert.

 

 

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