108 ZINETA & MELISA

Adelisa | Toni | Zineta & Hamscha
Melisa

Ende Juni 2015 ist Zineta mit ihrer Enkeltochter Melisa von Opens internal link in current windowZimmer 106 in Zimmer 108 umgezogen. 

In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober kam ihre jüngste Tochter Adelisa mit ihren zwei Kindern in Berlin an. Drei Jahre haben sich Mutter und Tochter nicht mehr gesehen. Adelisa ist 19 Jahre alt, ihr Sohn Toni zwei und ihre Tochter Hamscha 4 Monate alt.

Mein Land ist Bosnien.

Ich bin das dritte Jahr hier, in diesem Wohnheim seit zwei Jahren. Dieses Heim ist gut für mich. Wenn ich andere Wohnheime angucke... Dieses ist schön. Hier arbeiten Leute und Security-Leute und andere. Hier hat man kein Problem mit andere Leuten. Aber in anderen Heimen gibt es viele Probleme. Ganzen Tage: zu viel gesprochen, geschlagen und keine Ahnung was noch. Aber in diesem Heim, keine Probleme. Dieses Wohnheim ist gut und ich will in diesem Heim bleiben. Vorher war ich in einem anderen Heim, am Rathaus Steglitz,[...]. Sozialamt hat gesagt, du musst gehen in die Staakener Straße. Als ich hier gekommen bin: Kein Bett, kein Kissen, keine Decke... Und keine viele Leute, keine bisschen Leute... Kein Bett, keine Kissen, keine Decke, Bettwäsche... Acht Personen: ich, meine Tochter, mein Mann und mein Enkel... Acht Personen in einem kleinen Zimmer. Und die nächsten Tage, meine Tochter und drei Kinder noch ein Zimmer und die anderen noch ein Zimmer... Für acht Personen zwei Zimmer. Und am dritten oder vierten Tag, keine Ahnung wann, noch wieviele Personen hat Bettwäsche und Kissen und Decken, haben alles gebracht. Und nach ungefähr zwei, drei Wochen einen Kühlschrank. Dann haben wir ungefähr einen Monat gewartet für einen Tisch und Stuhl. Nach ungefähr einem Monat war alles ok. Wir hatten einen Kühlschrank, einen Schrank, die Decken, Kissen, alles. Als ich kam, gab es zwei Decken und zwei Kissen. Am anderen Tag zwei Zimmer. Alle hatten ein Bett, aber keine Decke und kein Kissen. Aber am dritten Tag war alles ok. Aber ist für mich alles ok. Die Leute, die im Büro arbeiten, alle verstehen. Wenn man Probleme hat, wollen sie helfen, egal wo: beim Arzt, beim Sozialamt... egal wo.

Deutsch habe ich erst hier in Deutschland gelernt, den ganzen Tag habe ich gelernt.

Warum ich hergekommen bin? In meinem Land, in Bosnien, habe ich kein Haus, keine Arbeit, alles alles ist total schade. Ich hatte keine Perspektive, für meine Kinder und alle. Wenn man in Bosnien Probleme hat, kein Bürgeramt hilft, kein Sozialamt, keine Leute. Wenn man anruft die Polizei: „Ist egal!“. Viele, viele Probleme.

Ich hatte ein Haus bis 2011. Eine Gruppe von Jungs sagten den ganzen Tag „Zigeuner, Zigeuner!“. Trinken Bier, Alkohol, und andere Tage mit Auto... Ich sagte es einmal der Polizei, sie kam und guckte, aber sagte: „Ist o.k, kein Problem.“. Die anderen Male auch „Kein Problem.“. Ich weiß nicht wie viel, ungefähr fünf, sechs Monate. Und eines Tages.. Mein Haus.. in Feuer... Und alles schade. Ich habe ein Bild von meinem Haus, aber jetzt kein Haus. Dann habe ich gedacht, ich brauche Hilfe. Aber die anderen Leute haben gesagt, „Nein, kein Geld.“. Ich habe gesagt „Bitte. Ich will nur eine Wohnung, ein bisschen.. Meine Tochter geht zur medizinischen Schule und die andere geht auch zur Grundschule.“. Aber sie haben gesagt „Nein, nein, nein.“. Ich habe viel nachgedacht, zwei, drei Monate. Ich habe gesagt, ich habe jetzt kein Geld und ich muss gehen. Aber weiter als Bosnien.

Hier ist Bosnien, Kroatien, Slowenien, Österreich, Deutschland.

Ich bin Roma. Roma in Bosnien... Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll... In Bosnien, wenn ich sage, ich bin Roma, dann sagen sie „Ach, Roma sind scheiße!“. Meine Tochter, die zur medizinischen Schule geht, sagt nicht, dass sie Roma ist. Meine Tochter hat Angst, wenn sie sagt, sie ist Roma, dann „Roma, scheiße, geh weiter!“. Wenn meine Tochter zur Schule geht, sagt sie, sie ist Muslim. Meine Tochter geht auch in den Camii und sagt, ich bin Muslim. „Ja du bist Muslim, aber deine Mutter und dein Vater sind Roma.“. Aber du musst das sagen. Wenn du eine Perspektive willst und zur Schule gehst, darfst du nicht sagen, dass du Roma bist. Du musst sagen, du bist eine andere Nationalität. Muslim oder serbokroatisch, aber Roma... nein.

In Bosnien haben Roma ein Haus und Baracken wie diese... solche Wägen. (Zineta bezieht sich auf den KUNSTASYL Bauwagen)

Ich bin jetzt hier mit meinem Mann und meiner Enkelin Melisa. Ich habe den Vormund für sie. Meine Tochter hat einen anderen Mann geheiratet in Bosnien. In Roma, bei meiner Familie, wenn meine Kinder Kinder haben und die Eltern nicht zusammen sind, wenn sie einen anderen Mann heiratet, dann müssen die Kinder bleiben bei Oma und Papa.

Der Mann meiner Tochter wollte nicht kommen, er sagte, er bleibt besser in Bosnien. Keine Ahnung. Ja, ich bin traurig darüber, dass sie nicht hier ist.

Ich habe noch eine Tochter, nicht Melisas Mutter, sie ist hier. Sie wohnt im Heim in Köpenick.

 

 

Mirella, Freundin von Zineta, Zineta und Dinka

Mein Mann Kazim hat eine Aufenthaltsbewilligung, ich werde geduldet. Mein Mann und ich haben noch nicht geheiratet aber wir sind zusammen seit 28 Jahren. Ich arbeite nicht, helfe manchmal im Wohnheim und kriege Sozialhilfe. Ich mache die Küchen sauber, im Monat 88 Euro.

Kazim sucht eine Wohnung, aber alle Verwaltungen sagen, du musst arbeiten und drei Bankauszüge haben. Kazim ist seit zwei Monaten beim Jobcenter aber ich bekomme Sozialhilfe.

Was ich mir wünsche? Keine Ahnung...

Ich gucke die ganzen Tage, was du und deine Kollegen hier machen. Und es interessiert mich, was ihr macht. Viele Leute im Wohnheim fragen, warum ist diese Frau hier und was macht sie den ganzen Tag bis sieben oder acht? Ich habe gesagt, sie hat ein Projekt und ich gucke was gemacht wird. Dieses Haus, die Blumen und die anderen Sachen, der Garten... 

Ich habe keine Ahnung über die anderen Leute, aber ich denke das ist gut. Wenn hier, dann sind wir bisschen zusammen und denken nicht viel über Probleme. Ich hatte heute viele viele Probleme. Gestern die ganze Nacht und heute morgen früh, habe ich geweint. Aber als du in die Küche gekommen bist und mich gefragt hast, ob ich komme, habe ich ja gesagt. Jetzt im Moment habe ich nicht mehr an meine Kinder in Bosnien gedacht. Das ist gut. Viele Leute sind hier alleine auf dem Zimmer und denken immer. Denken, denken, denken... Was ist mit meiner Familie und meinen Kindern? Wie mache ich weiter? Wenn sie in Ausländerbehörde waren, Junge was ist passiert... Die Duldung oder die Polizei hat gesagt, du musst nach Hause gehen... Nur denken, denken, denken. Das ist nicht gut. Ich denke viele Leute in diesem Heim haben Depressionen. Nur Rauchen und Kaffee trinken. Essen? „Ach, später!“. Nur Kaffee, Zigaretten und Denken. Viele viele Leute... Mein Mann auch. Aber das ist nicht gut.

Meine Stadt ist Tuzla. Es ist eine große Stadt, die drittgrößte Stadt in Bosnien nach Sarajevo und Banja Luka.

Bosnien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Kosovo und Montenegro sind jetzt alle eigene Länder. Das finde ich nicht gut. Als alle zusammen waren, ohne Pass, konntest du weiter. Aber jetzt musst du einen Pass haben. Und wenn du nach Serbien oder Kroatien gehst, bist du in einem anderen Land. Aber bis gestern waren alle zusammen. Ich habe viele Freunde aus Serbien, aus Kroatien... Aber jetzt gibt es eine Grenze. Hier in Kroatien ist Županja und hier Orašje. Nur ungefähr... ich denke kein Kilometer. Jetzt mit der Grenze, das ist extra und das ist extra. Aber bis gestern zusammen: Essen, Trinken, Spielen, zur Schule gehen, Arbeiten. Jetzt nicht. Keine Ahnung, was da ist, das ist große Politik. Ich finde das nicht gut. Die große Politik, nur Krieg. Andere Leute sind tot. Aber die großen Leute gehen weiter. Mit der Familie, alle zusammen. Die anderen Leute, ohne Geld, müssen bleiben. Und mit dem Krieg, die Eltern tot. Der Sohn oder die Tochter. Das ist nicht gut. Ich weiß das. Der Sohn meiner Tante ist 19. Der Krieg... jetzt ist er tot. Meine Nachbarin hat vier Kinder. Und wenn der Krieg... jetzt sind sie tot. Nicht nur eine Nachbarin, sondern viele. Meine Nachbarn von meinem alten Haus, die Frau und die Kinder sind jetzt alleine. Nicht gut. Schwer und nicht gut. Die große Politik...

Es ist besser in Deutschland. In meinem Land gibt es keine Hilfe, Sozialhilfe. In Deutschland gibt es Sozialhilfe. In meinem Land muss man zu 100% krank sein. Dann helfen sie. Ich bin ungefähr einhundert mal zum Sozialamt gegangen und habe gesagt: „Was muss 100%ig krank oder mein Mann oder muss tot? Bitte helfen Sie.“ 10 oder 30 Mark aber das ist 14 Euro. Drei Monate, muss ich bleiben. Sechs Monate muss ich bleiben. Dann geben sie noch 15 Euro.

In Bosnien bin ich zur Schule gegangen. Ich habe eine medizinische Ausbildung, bin Krankenschwester. Meine Tochter auch. Jetzt ist alles schwer. Jetzt bin ich beim Sozialamt, Kazem beim Jobcenter. Ich habe gesagt, mein Mann ist krank, ich muss ihn pflegen. Sie haben gesagt, nein ich muss warten, muss heiraten und andere... Und ich habe keine Ahnung was ich weiter mache.

In Bosnien war Kazim Maschinenbauer/Maschinist. Aber er hat nicht so viel gearbeitet, ungefähr drei Jahre.

Und wenn ich denke, ich habe zu Hause kein Geld, ich habe nichts zu essen, und meine Kinder haben Hunger. Ich muss arbeiten, auch für 3 Euro. Aber für andere Leute... ich 10 Euro. Aber ich bin Oma, ich muss arbeiten. Schwer...

Zineta | bc


Das Gespräch mit Zineta wurde am 21.4. 2015 aufgezeichnet und von Safaa Moussa transkribiert.
Wir weisen darauf hin, dass in allen Texten oder Tondokumenten, die Autoren ihre subjektive Wahrnehmung und ihr Empfinden wiedergeben. Wir geben diese Dokumente genauso weiter und danken den Autoren für das uns ausgesprochene Vertrauen.