107 ATEF

Atef photo Joachim Gern
Atef
Atef photo Joachim Gern
Sein Handy ging auf der Meeresüberfahrt über Bord - Seine sechs Pefeifen konnte er bewahren.
Das Geschenk eines Freundes steht jetzt auf der Fensterbank seines Zimmers 107.


Der Kinderreigen endete mit einem Wechselspiel der Geschlechter: ein Mädchen, ein Junge, ein Mädchen, ein Junge, ein Mädchen, ein Junge, davor, am 25.12.1959, wurde er, Atef, als erster Sohn geboren. Da hatte er bereits drei Schwestern. Von den zehn Geschwistern lebt heute keines mehr in Syrien. Der Krieg hat sie in die Diaspora nach Saudi Arabien, die Emirate, in den Libanon und nach Europa getrieben. Drei Schwestern leben inzwischen in Deutschland. Auch Atef wacht seit über einem Jahr in Berlin auf und nicht mehr in Aleppo.

„Ich fühle mich wie ein Mensch. Zum ersten Mal in meinem Leben."

Das Dach des Hauses seines Schwagers eröffnete ihm den Blick auf sein eigenes, zerbombtes Heim. Die Verwandten hatten ihm, seiner Frau und seiner jüngsten Tochter Obdach gegeben, als die eigenen vier Wände in sich zusammensackten und Stein zu Staub zerfiel. Er spricht nicht von Villa, er denkt zurück an sein Schloss und lässt es in der Erinnerung auferstehen aus Schutt und Asche. Erhaben thronte es über der Stadt, in bevorzugter Lage, und die, die da nicht selber wohnen konnten, flanierten auf ihren Abendspaziergängen vorbei – bis 2012.

 Die Nachbarin hatte gerade das Haus verlassen um Foul fürs Frühstück zu besorgen. Erst vor zwei Tagen hatte sie ihr Kind zur Welt gebracht. Sniper richteten sie hin.

Die Frau starb in den 80er Jahren unter der Diktatur von Hafez Al Assad.
„Es war Terror, sagt Atef, niemand hat sich getraut etwas zu sagen“. Er sieht noch die Männer, die von den Schergen der Miliz aus ihren Wohnungen gezerrt, aufgereiht zu fünfzigst oder sechzigst an der Wand erschossen wurden. Auf Widerstand reagierte der Diktator mit Bomben und Granaten, massakrierte die Städte Hama und Idlip mit seinem Stadtteil Benish, dem Heimatort der Familie. Da stand sein Vater schon in Rakkah und bewachte einen Staudamm. Den Dienst als freiwilliger Berufssoldat quittierte er mit der Machtübernahme von Hafez 1967. Sein letzter Einsatz endete im 7-Tage- Krieg in einem israelischen Militärgefängnis. Mit dem Tod des Vaters 1991 übernahm Atef die Verantwortung für die Familie.

„Bashar ist noch schlimmer als Hafez, schmutziger, dreckiger. In den Behörden sitzen Menschen, die haben zum Teil nicht mal die 9. Klasse abgeschlossen. Die sitzen neben Doktoranden. Das ist unter Bashar so und das war unter Hafez so“. Er, der selber einen hohen Posten bei der Finanzbehörde Aleppos innehielt, weiß wovon er spricht. In einem Kreis von Gleichgesinnten arbeitete er für die Veränderungen im Kleinen, verteidigte seinen Platz gegen Regimegetreue. „Wenn es Gerechtigkeit gibt, wer will keine Gerechtigkeit?.Jeder will Gerechtigkeit. Das Problem ist, dass die arabische Bevölkerung an Diktatur gewöhnt ist“. Seine Beziehungen reichten weit und retten schließlich ihn selbst, als er 2012 öffentlich für die Revolution sprach und verhaftet wurde. Man entließ ihn mit der Warnung: „Schneide deine Zunge ab, wenn du weiterleben willst“. Weiterleben bedeutete fliehen.

Das schwarze Brillengestell verleiht seiner Frau einen strengen Blick. Noch immer zeichnet die Professorin der Wirtschaftswissenschaften verantwortlich für die Finanzen der Universität Aleppo. Gerade 18 geworden, hat Tochter Nour vor wenigen Tagen ihr Abitur gemacht. Die Schulen sind geschlossen, gelernt hat sie zuhause mit einer Privatlehrerin. Atef bangt um ihr Leben in der nordsyrischen Stadt unter Beschuss. Jeder Tag, der in dem monatelange Verfahren um den Familiennachzug ergebnislos verstreicht, quält ihn mit Angst.

Den Kreis seiner Freunde und Gleichgesinnten vermisst er mehr, als die kostbaren Güter, die das Innere seines Hauses schmückten. Würde der Krieg aufhören, dann würde er zurückgehen um Stadt und Land wieder mit aufzubauen. „Aber es wird nicht.. es wird nur Chaos und noch mehr Krieg.“ Sein Blick in die Zukunft des Mittleren Ostens ist schwarz und hoffnungslos. „Europa nimmt den Druck von der Welt. Es ist immer friedlich. Europa nimmt den ganzen Stress und Druck von der Welt. Amerika und Russland halten die Fäden der Marionetten in der Hand. Die haben gespielt und wer am meisten darunter gelitten hat, ist Europa“.

Für die, die sich zunehmend wehren gegen die neu Angekommenen zeigt er Verständnis. Er gesteht ihnen das Recht zu, „Nein“ zu sagen und spricht unverbrämt, „... um es mal realistisch auszudrücken: Einige der Menschen, die hierher kommen – sie sind so schlecht, nicht einmal das Abwasser würde sie aufnehmen. Dabei geht es nicht um eine bestimmte Nationalität.“

Er wollte immer sein Leben in Syrien leben. Dass der Krieg ihn und seine Familie so hart trifft, das hätte er nie gedacht.

„Ich bin ein ganz einfacher Mensch. Ich mag Leute und respektiere Leute. Ich will niemandem weh tun und niemanden Schaden zu fügen. Ganz einfach.“

Sein Schmerz ist zu groß und zu viel. Aber dieser Schmerz, sagt er, werde ihm erleichtert durch die Deutsche Gesellschaft, die ihn respektiere: „Ich fühle mich wie ein Mensch. Zum ersten Mal in meinem Leben. Das macht den Schmerz viel leichter zu ertragen, dass meine Familie nicht da ist, dass das Land kaputt ist, dass es keine Hoffnung gibt.“

Aus Syrien brachte er seine 24-jährige Berufserfahrung mit. Einst war sein Traum, ganz in Ruhe in Rente zu gehen und das Leben zu genießen. Jetzt will er nochmals etwas aufbauen für sich und seine Familie, denn, „die vierundzwanzig Jahre bedeuten nicht, dass ich nicht mehr weiterleben will“.

Und den Traum vom Lebensgenuss im Alter, glaubt er sich auch hier erfüllen zu können.

Das Gespräch mit Atef fand am 18.6.2016 statt.

 

 

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Die Innenarchitektur seines Hauses in Aleppo hatte er selbst entworfen. Jetzt versucht er in seinem 10 QM-Zimmer mit Dekoration gegen die Tristesse anzugehen.
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Bild seiner älteren Tochter "Mond" vor 25 Jahren als knapp zwei jähriges Mädchen.




107 SERDAR

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Am 29.4.2016 verließ Serdar Berlin Richtung Dortmund. Am 6.5. würde um 7 Uhr morgens nach über einem Jahr des Wartens seine Familie mit einer Maschine aus Beirut landen. Serdar bewohnte Raum 107 seit dem 5. Mai 2015. Der Umzug von Opens internal link in current windowRaum 102 war nur ein paar Türen weit. Für einige Monate hatte er bereits die 16qm von Raum 102 mit Mawlud geteilt.


Serdar hat ein Mass für seine Trauer, seine Sehnsucht und  das Verlangen nach seiner Familie gefunden: bis seiner Frau und seinen drei Kindern der Nachzug nach Deutschland ermöglicht wird, schneidet er sich die Haare nicht mehr.
In dem aufgezeichneten Gespräch vom 5.4. mit Serdar und Mawlud, zeigt sich der syrische  Agraringenieur noch hoffnungsvoll, dass die Zeit, bis er seine Frau, Ara und Aram wiedersieht, endlich ist. Inzwischen sind acht Monate vergangen. Seinen seinen jüngsten Sohn hat er noch nie gesehen. Der Junge kam während seiner Flucht zur Welt.

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Schranktür mit einem Foto seiner Tochter Ara
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Serdar

 

"Die europäischen Länder, in denen soziale Gerechtigkeit und Demokratie herrscht, das waren die Länder in denen man nicht überlebt, sondern lebt und in denen ich mir vorgestellt habe, leben zu können. "

Serdar: Ich bin in einem kleinen Dorf  geboren und aufgewachsen. Als ich geboren bin, bestand es aus nur ca. 20 – 25 Häusern. Dort habe ich auch die Schule besucht. Der nächste größere Ort ist Rimelan, ein Petroleum-Gebiet. Meine Groß- und Urgroßeltern haben in diesem Gebiet gelebt, angepflanzt und angebaut und davon gegessen, aber die Regierung hat uns das Land einfach aufgrund des Petroleums weggenommen ohne dafür zu zahlen. In diesem Gebiet gibt es viele Gifte und eigentlich sollte die Regierung uns Mitteln zur Entgiftung zur Verfügung stellen. Viele Leute haben deswegen dort Krebs gehabt. Das Dorf liegt im Nordosten Syriens.

Mawlud: Es wird das „das Dreiländereck Irak – Türkei – Syrien“ genannt.

Serdar: Mein Vater war Farmer, damals noch ohne Maschinen. Meine Eltern leben immer noch dort. Ich habe zwölf Brüder. Einer von ihnen ist im letzten Oktober getötet worden aber wir wissen nicht wie. Er hat in der Stadt Al-Malikiyah gelebt,  war Lehrer.

Mawlud: Das liegt noch näher an dem Dreiländereck. Es ist der letzte Ort an der Grenze, der noch in Syrien liegt.

Serdar: Mein Vater war zweimal verheiratet, ich habe zwölf Brüder und sechs Schwestern: Mohammad Taufiq Ali, Jalud, der verstorbene Bahzat, Qahramana, Shirwan, Salwa, ich Serdar, Ghandi... Mein Vater war zwar Farmer, aber er war sehr aktiv in der Politik. Als ich geboren bin, war mein Vater auf der Flucht vor der Baath-Partei. Edriss, Kadar, Khoraz, […] Samira, […], Shahin, Masoud… Die Mutter dieser Geschwister heißt Amina. Und die Mutter dieser Geschwister Sara. Das ist auch meine Mutter. Wir haben haben alle zusammen gewohnt aber dann ist jede Mutter mit ihren Kindern in ein eigenes Haus gezogen.

 


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Serdars Familienbaum

Mawlud: Jede Frau hat ihre Nacht und keine ist von ihrem Tag abgetreten, das ging gar nicht.

Serdar: Mein Vater heißt Jusuf. Das ist unser Haus, und dieses Haus gehört Amina. Es gab auch einen Garten. Bahsat, der verstorbene Bruder, war mein engster Freund, auch wenn er nicht der Sohn meiner Mutter war. Als wir Kinder waren, gab es eine „Hauptfrau“, die erste, das war meine Mutter Sara, die andere war Amina. War man dann das Kind der zweiten Frau, da gab es manchmal Probleme. Jetzt aber, wenn man so weit weg ist, vermisst man eigentlich alle. Taufiq ist der älteste, 1954 geboren, also ungefähr 63 Jahre alt. Der jüngste ist, glaube ich, Masud. Ich weiß nicht wie alt er ist, nicht mal mein Vater weiß das so genau. Geburtstage haben wir nicht gefeiert, das ist etwas Neues, das mache ich jetzt für meine Kinder. Früher hatten wir ungefähr 200 Schafe. Eigentlich hatten wir einen Hirten, aber meistens war ich zuständig. Ich bin 1966 geboren, also 49 Jahre alt. In Rimelan bin ich zur Schule gegangen, aber jetzt ist sie zerstört. Nicht wegen dem Krieg, sondern weil sie aus Lehm bestand und so alt war. Bis ich die Universität besucht habe, habe ich dort die Schule besucht. Im Winter war es sehr hart, wenn ich in den 70ern immer den langen Weg zur Schule gelaufen bin. Ab 1986 habe ich dann in Damaskus Agrarindustrie/Agrarkultur studiert. Danach habe ich in Qamischli gelebt, nicht direkt in der Stadt, sondern da wo wir gearbeitet haben, in der Nähe der Getreidefelder. Meine Frau habe ich nicht [direkt] kennengelernt. Mein Neffe hat mir erzählt, dass er eine Frau gesehen hat, die sehr nett und sehr hübsch ist und hat mich gefragt, ob ich sie treffen möchte. Dann haben wir uns getroffen, sie hat mir gefallen und es hat geklappt. Zuerst habe ich mit meiner Frau und Ara drei Jahre in Al-Malikiyah gelebt. Dann kehrten wir nach Rimelan zurück, wo wir für zwei bis drei Jahre eine Wohnung gemietet haben. Danach kam ich nach Deutschland. Ich sage immer, dass ich aus Qamischli komme, weil unser Ort nicht so bekannt ist. Außer in Damaskus, habe ich nie in einer Stadt gelebt, sondern immer auf dem Land. Von 1986 – 1996, dh. zehn Jahre lang habe ich in einer Stadt gelebt und habe mich an das Städtische gewöhnt und kann daher sowohl auf dem Land als auch in der Stadt leben.

Ich hatte sowieso schon immer keine Hoffnung in Syrien zu leben, wegen meines Vaters und der Baath-Partei. Ich habe meine Brüder, die jetzt in Kanada und der Niederlande leben, dazu ermutigt Syrien zu verlassen. Aber wenn es keinen Krieg in Syrien geben würde, dann wäre ich in Syrien geblieben, weil ich Syrien vermisse. Das hier [zeigt auf einem Foto Häuser aus Lehm usw.] vermisse ich über alles.

Mawlud: Wenn sich die Situation in Syrien bessert, dann würde ich zurückkehren.

Serdar: Meine Frau, sie ist auch Kurdin, kam bis zur 7. Klasse und kann lesen und schreiben.

Drei Brüder sind noch in Syrien. Alle anderen sind außerhalb: Einige sind in Kurdistan, zwei in Deutschland, einer in Kanada, einer in den Niederlanden und einer kommt jetzt, er ist auf dem Weg, jetzt in Griechenland.

Wann ich mich dazu entschieden habe Syrien zu verlassen? Das ist eine schwierige Frage. Das müsste ca. 2012/2013 gewesen sein. In Syrien gab es schon diese schwierige politische Lage und den Polizeistaat. Aber 2012 haben wir wirklich verstanden, wie es ist, dass es keine Revolution ist, sondern etwas anderes, etwas Seltsames. Und dann ist es chaotisch geworden. So chaotisch, dass wir 2012 angefangen haben zu überlegen, dass wir hier los müssen. Es war für mich klar, dass ich erst einmal alleine gehen muss, weil wir so schreckliche Geschichten gehört haben, darüber was an den Grenzen geschieht usw. Das konnte ich meinen Kindern nicht zumuten. Bis jetzt bin ich der Meinung, dass das die richtige Entscheidung war. Ich möchte, dass sie auf legalem Wege herkommen. Ich halte ständig Kontakt zu ihnen. Sie sind jetzt in Syrien in der Nähe zu der türkischen Grenze bei meinem Schwiegervater und sobald etwas passieren sollte, werden sie schnell in die Türkei fliehen.*

Geflohen bin ich nicht wegen mir, sondern wegen meinen Kindern. Ich bin nicht besser als die anderen, die dort verblieben sind. Hätte ich keine Frau und keine Kinder, dann wäre ich in Syrien geblieben. Mein Leben ist mir egal, dieses Risiko habe ich für meine Frau und meine Kinder auf mich genommen. Aber wenn ich jetzt hier bleibe, wird es schwierig sein mit arbeiten anzufangen. Ich will weiter studieren, vielleicht eine Ausbildung machen. Das wichtigste ist jetzt aber, dass meine Kinder ihr Leben beginnen. Obwohl es im Moment schwer ist, zu leben und mir ein Leben vorzustellen, weil ich mir Sorgen und meine Kinder und meine Frau mache. Das beschäftigt mich zur Zeit jeden Tag und jede Nacht.

Mein Leben war sehr schwierig. Was mir aber am meisten am Herzen liegt, ist meine Kindheit. Im Vergleich zu euch in Deutschland z.B. war es natürlich eine schlechte Situation, aber es war schön. Sogar das Wetter war damals schöner. Vögel zwitscherten, es gab Schmetterlinge... ich habe sehr schöne Erinnerungen daran. Aber ab den 70ern und der ganzen Krisen der Welt, wurde alles schwierig. So ein Leben habe ich mir nicht vorgestellt. Nach dem Abitur, als wir angefangen haben uns für Politik zu interessieren und sie zu verstehen, haben wir gemerkt, wie die Welt wirklich läuft und dass wir in solch einer schlechten Ära leben.

Die europäischen Länder, in denen soziale Gerechtigkeit und Demokratie herrscht, das waren die Länder in denen man nicht überlebt, sondern lebt und in denen ich mir vorgestellt habe, leben zu können.

Mawlud: Deutschland ist sehr bekannt dafür, sehr neutral und hilfsbereit zu sein, vor allem den Kurden gegenüber und den hat jetzt einen großen Platz in unseren Herzen.

Serdar: Auch waren die Philosophen, von denen die wir gelernt haben und die wir studiert haben, wie Marx, Hegel und Feuerbach, fast alle Deutsche. Ich habe das sehr gemocht und mit viel Leidenschaft gelernt. Dennoch entspricht das jetzige Deutschland nicht meinen Erwartungen. Es ist nicht, wie wir dachten der Himmel, auch hier wird mit der Politik gespielt...

Mawlud: Es ist manchmal ein bisschen schwierig hier zu leben. In Syrien habe ich manchmal 18, 19 Stunden gearbeitet. Das war nicht so schlimm. Aber es war nicht so schlimm, wie wenn ich jetzt eine Stunde fahren muss, nur einen Zettel irgendwo abzuholen. Manchmal trifft man auf einen Mitarbeiter, der nicht so freundlich ist, der dann einfach sagt „Komm morgen mit einem Übersetzer.“ oder „Das geht jetzt nicht mehr.“. Das ist nervig.

Noch kann ich nicht einschätzen, ob und wie Leute mich hier in Deutschland als Menschen ansehen, da ich noch nicht kommunizieren kann. Das wird bestimmt anders. Und solange meine Familie noch nicht da ist, ist das alles für mich nur vorübergehend. Erst wenn meine Familie da ist, bin ich hier angekommen. Meine Familie ist noch in Syrien, aber täglich kommt die Polizei zu ihnen und fragt nach mir, „Wo ist Mawlud?“, denn ich gehörte dort zum Militär. Erst vor zehn Tagen haben sie erfahren, dass ich in Deutschland bin. Ich war eigentlich Vorgesetzter in der Abteilung für Zoll, also zivil. Gearbeitet habe ich in Al-Hasaka, aber gelebt habe ich 90km entfernt in Qamischli. Ich hatte ein Dienstauto, mit dem ich immer zur Arbeit gefahren bin.

2014 hat die Regierung aber entschieden, dass ich als Reservist arbeiten soll, wo es für mich nur noch zwei Möglichkeiten gab: entweder arbeite ich mit ihnen oder ich muss woanders hingehen. Dann kam auch die PKP und wollte mein Dienstauto mitnehmen, sie dachten dass ich für Assad arbeite. Ich sagte, dass ich nur ein Dienstauto habe, weil ich Beamter bin, nicht weil ich für Assad arbeite. Dann wusste ich, dass für mich jetzt Schluss ist. Auch wenn ich mich dem Militär angeschlossen hätte, ich wüsste nicht wer ist wer. Wäre der Krieg aufgrund eines außenstehenden Landes entstanden, dann wäre ich geblieben und hätte gekämpft, für mein Land Syrien. Aber wenn die Regierung gegen die Zivilisten kämpft, und Bürger gegen andere Bürger... Auch wenn du zu Hause bleiben und nicht mitkämpfen willst, musstest du Waffen haben. So ist Syrien jetzt. Das wollte ich nicht mitmachen. Ich weiß nicht wer gegen wen kämpft.

Wir haben gewartet, wir dachten, er könnte etwas ändern. Aber ich war Beamter und kriege schon mein Geld. Was er nach seiner zweiten Rede gemacht hat, ist dass er uns eine Gehaltserhöhung gegeben hat. Aber das brauchten wir nicht, das brauchen die Armen. Deshalb hat er uns noch mehr aufgeregt. Nicht wir brauchten das Geld, sondern die armen Menschen, die auf die Straße gehen. Warum gibt er mir das Geld? Ich bin Beamter, ich bleibe doch hier in Syrien. Das war nicht richtig, was er gemacht hat. Es gibt zehnköpfige Familien, in der niemand eine Arbeit hat. Es wäre einfacher gewesen, ihnen Geld zu geben, bis einer eine Arbeit gefunden hat. Aber das wird jetzt nicht passieren.

Ich habe keine Angst. Ich kann alles erzählen.

Jeder der aus dem Ausland kam, wurde zu dieser Zeit als Feind betrachtet.
Auch vor 2011, als ich eine Arbeitsreise in die Türkei machte, wurden wir verfolgt und beobachtet. Ich wollte shoppen gehen und sie haben draußen auf mich gewartet. Das wurde auch Sicherheitsgründen gemacht.

Ich bin über die Grenze Syrien – Türkei geflohen. In der ersten Nacht wurde auf uns geschossen. In der zweiten, dritten Nacht, hat es dann geklappt. Für sie [für die Türken] sind wir keine Menschen. Insgesamt hat es bis hierhin einen Monat gedauert. Zuerst mit dem Auto bis Österreich und dann über München nach Berlin. Ich habe einen Bruder, der auch beim Militär war, der jetzt in Berlin ist. Zuerst habe ich für eine Fahrt nach Deutschland gezahlt, dann aber dem Fahrer gesagt, dass ich nach Berlin muss. Ich musste dazu zahlen, damit ich nach Berlin komme.

 

 

KUNSTASYL drawing by Serdar
An der türkischen Grenzen


Serdar:
Das ist eigentlich eine Ausnahme, normalerweise braucht man länger.

Mawlud: Ich habe noch viel mehr dafür gezahlt. Ich habe mein Auto und sogar auch mein Haus verkauft.

Ich war eigentlich Busfahrer und habe auch sieben Jahre als Fahrer gearbeitet. Jetzt hängt alles von meiner Familie ab. Wenn sie herkommen, dann bleibe ich auch mit ihnen hier. Ich will nur einen Job finden, Bus fahren zum Beispiel. Mein Vater war auch Busfahrer und hatte viele Busse. Ich habe schon viele Sachen gemacht, aber nie hatte ich so viel Spaß wie beim Busfahren. Manchmal fuhr ich sogar 24 Stunden von Damaskus nach Qamischli und nach einer kleinen Pause direkt zurück. Aber es war super.

Der eine Monat, die Flucht von Syrien nach Deutschland, das war anstrengender und so stressiger als die 38 Jahre, die ich in Syrien gelebt habe.

Serdar: Wir waren so jung aber in den letzten zehn Monaten sind wir so gealtert und haben so viele Falten bekommen.

Mawlud: Serdar redet ständig mit seiner Familie, aber ich nicht ganz so oft.

Serdar: Ich habe zu meiner Familie gesagt, wenn ich die ganze Zeit mit meinen Freunden hier deutsch reden würde, dann könnte ich jetzt wirklich deutsch. Aber sie lassen mich nicht in Ruhe, sie wollen immer reden.

Mawlud: Meine Familie ist gerade in Syrien und die sollen jetzt kommen, aber wir wissen einfach nicht wie. Das deutsche Konsulat in Erbil akzeptiert gar keine Flüchtlinge mehr. Wir wissen nicht warum.**

 

Das Gespräch mit Serdar und Mawlud fand am 5.4.2015 statt. Es wurde von Safaa Moussa transkribiert.

*Stand 5.5. 2015

** Mawluds Familie kam Mitte November in Berlin an. Die Familie hat eine Wohnung bezogen.